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Emmett und Mutter

The Death  of Emmett Till

Nacherzählt
  von
 Richard Powers

Buchcover Powers, Der Klang der Zeit

Der 
Klang der Zeit

S. Fischer Verlag

                           
 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004 ISBN 310059021X,
Gebunden 764 Seiten, 22,90 EUR



Der Song Das Foto Der Anlass Der Mord Der Prozess Emmett heute






Der Prozess

Das Begräbnis des Jungen in Chicago bewegt die ganze Nation. ... Zehntausend Leute kommen, um einen Jungen zu betrauern, den höchstens hundert davon gekannt haben. Jeder hat sich eine Grabrede zurechtgelegt, summt ein ganzes Gesangbuch aus lauter Erklärungen. Der arme Junge, die degenerierten Hinterwäldler, die entsetzliche Vergangenheit des Landes: Das ist das Begräbnis, zu dem sich das weiße Amerika sich einfindet. Aber das schwarze Chicago, das schwarze Mississippi, die Freunde der Mutter (der Frau, die vorige Woche noch die Mutter des Jungen war) holen ihren schwarzen Anzug aus dem Schrank - es bleibt nicht einmal Zeit, ihn zu bügeln - und stimmen wieder ihre alten Klagelieder an, denn etwas anderes haben sie nicht.

Mamie cries at her son's funeral

Während des ganzen Gottesdienstes bleibt der Sargdeckel offen. Die Leute ziehen vorbei und werfen einen letzten Blick oder vorletzten oder vorvorletzten. Die Menschen versammeln sich von neuem, nun wieder in Mississippi, als Bryant und Milam vor Gericht stehen. Alle drei Fernsehsender, damals noch in den Kinderschuhen, sind dabei, und auch die Wochenschauen sorgen dafür, dass ihre Zuschauer Zeuge werden, abgestoßen und doch gebannt. ...

Sumner Courthouse, Tallahatchie

Im Gerichtssaal herrscht eine Gluthitze. Selbst der Richter kommt in Hemdsärmeln. Die Beweislage ist eindeutig. Die Rillen, die die Spindel in einer Entkörnungsmaschine zurücklässt, sind unverwechselbar, und die Spindel, die jemand Emmett Till mit Stacheldraht um den Hals gebunden hat, gehört zu der Maschine, die nach wie vor in J. W. Milams Scheune seht. Der Staatsanwalt fragt Mose Wright, ob er jemanden im Gerichtssaal  sieht, der mit der Entführung seines Großneffen zu tun hatte. Der vierundsechzigjährige Prediger erhebt sich, allein gegen alle Macht der Welt, und zeigt mit dem Finger auf Milam. 



Es ist ein Finger, der einen großen Bogen beschreibt, wie die Hand Gottes, die mit strafendem Fingerzeig den ersten Menschen erschuf. ,,Er da." Zwei Worte, der erste Schritt in eine unumkehrbare Zukunft.



Die Verteidigung ist so verschlagen, wie die Staatsanwaltschaft offen war. Die Leiche, die vom Flussgrund auftauchte, sei zu entstellt gewesen, um sie zu identifizieren, zu verwest für einen Toten, der nur drei Tage im Wasser gelegen habe. Den Siegelring könnten Negerfreunde aus dem Norden der geschundenen Leiche angesteckt haben, Leute, die Unruhe stiften wollten an Orten, an die sie nicht gehörten. In Wirklichkeit sei der Junge womöglich noch am Leben, verstecke sich irgendwo in Chicago, eine Verschwörung gegen ein paar Männer, die nichts weiter getan hätten, als ihre Frauen zu verteidigen. Während des ganzen Prozesses sitzen die Angeklagten bei ihrer Familie, rauchen Zigarre und blicken mit blasierter Mine in die Runde.

,,Wenn Bryant und Milam schuldig sind," wendet der Verteidiger sich an die Geschworenen, ,,was ist dann noch geblieben von unserem Land der Freiheit, der tapferen Heimstatt?" 

Die zwölf weißen Geschworenen beraten sich eine Stunde und sieben Minuten lang. Sie hätten nicht so lange gebraucht, erzählt einer von ihnen einem Reporter, wenn sie nicht noch ein Päuschen gemacht und sich eine Limonade gegönnt hätten. Das Urteil wird verkündet: Unschuldig in allen Punkten der Anklage. Milam und Bryant haben kein Unrecht getan. Sie kommen frei und kehren zu Frau und Familie zurück. 



Das ganze Verfahren dauert gerade einmal vier Tage. Die Zeitungen bringen noch ein letztes Bild: Die Mörder und ihre Kumpane, wie sie im Gerichtssaal ihren Triumph feiern.   

Fortsetzung:  Emmett heute (Part 5)