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© 2001 Norbert Baro
Last update
18.September  2001

Siehe auch Review Fauler Henry 


Das Husten der Hände
In Tarantula werden haufenweise Wörter und Verse auf die Seite
geklatscht 

von Ulrich Rüdenauer 
Tagesspiegel
19. Mai 2001


"Das Buch", sagte Bob Dylan 1965, "kann eigentlich gar keinen Titel
bekommen, so ein Buch ist das." Wahrlich: Wie soll man so ein Buch nennen?
"Subterranean Homesick Blues" vielleicht? So hieß schon eine Platte. "In His
Own Words"? Nun, John Lennon war ihm da mit seinem Schriftstellerdebüt
zuvorgekommen. "Bob Dylan Off The Records"? Ging auch nicht, weil es
bereits Bücher mit ähnlichem Titel gab. Welchen Namen sollte es also erhalten,
das Buch, das 1965 geschrieben, 1966 vom Verlag Macmillan groß
angekündigt und erst 1971 auf den Markt gebracht wurde? Man entschied sich
für "Tarantula" - das hört sich schlicht an, ein bisschen bösartig, ein bisschen
nach Nietzsche, also an Hochkultur andockbar, aber doch auch irgendwie
stachelig. Ja, wie von der Tarantel gestochen hetzt Dylan mit seinen Versen über
die Seiten.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein nahm man das Sprichwort vom Tarantelstich noch
wörtlich und diagnostizierte als Folge des Spinnenangriffs eine rätselhafte
Besessenheit, die sich in verzücktem und rauschhaftem Tanz äußerte. Diesem
fast rituellen Zustand - der einzige Weg, der Heilung versprach - gab man den
Namen Tarentismus. Die Musiker spielten dazu stürmisch auf und wurden so zu
Medizinmännern. Den "song and dance man", wie sich Dylan zur Abwehr hoch
gestochener Interpretationen nannte, musste eine ähnliche Ekstase ergriffen
haben, als er mit 23 Jahren seine rhythmischen Prosagedichte in wildem Gestus
niederschrieb. Später behauptete er profan: "Ich hab einfach haufenweise
Wörter hingeklatscht und sie an meinen Verlag geschickt." Écriture automatique
nannte man das ein paar Jahre früher im surrealistischen Paris: "I'm a poet, I
know it, hope I don't blow it", witzelte Dylan.

Außer vom Surrealismus war Dylan, wie jeder 60er-Jahre-Underground-Poet,
der etwas auf sich hielt, von der Beat Generation beeinflusst. Mit Allen Ginsberg
paffte er zuweilen schon mal ein Pfeifchen, und bei der Gelegenheit dürfte man
auch hin und wieder poetologische Fragen erörtert haben. Andere Beat-Dichter
wie Jack Kerouac oder Gregory Corso waren ebenfalls in die Dylansche
Hoboseele eingegangen. Von da aus arbeitete er sich rückwärts, weit zurück
Richtung 19. Jahrhundert: Der Symbolismus wurde zur Steigerung der eigenen
poetischen Kräfte aufgesogen; vor allem in Rimbaud erkannte Dylan einen
Sangesbruder im Geiste. Ginsberg versorgte seinen jüngeren Dichterkollegen mit
entsprechender Lektüre, Dylan machte den älteren im Gegenzug zum Musiker.
So will es die Legende, die uns ja auch überliefert, dass Dylan zu jenen frühen
Zeiten seine Songs schneller komponierte als er sie notieren konnte. Der Mythos
des genialischen Jünglings, der aus dem Nichts nach New York fand, machte
seine Runde. Die seriöse "New York Times" würdigte den jungen Dichter im
Gewand des Folksängers mit literaturwissenschaftlichen Interpretationen; der
Musikkritiker und spätere Dylan-Biograph Robert Shelton vermutete hinter dem
aufgerauhten, schnarrenden Gesang schon früh "die wichtigste Dichterstimme".
So schien erstmals aus den Verstärkerboxen der Popwelt jene uralte Autorität
des Sängerwortes zu strömen. Kein Wunder, dass so etwas über kurz oder lang
zum Buch drängt.

Kerouac in doppeltem Tempo

Aber dann wurde es plötzlich alles ein bisschen viel. Manager Albert Grossman
war geschäftstüchtig und hatte schon wieder eine Tournee arrangiert. Dylan
produzierte eine Platte nach der anderen, versetzte seinen Songs schließlich
Elektroschocks und trieb die Hardcore-Folk-Intellektuellen damit zu wütenden
Invektiven; er ließ einen Dokumentarfilm mit sich drehen, und nun sollte er auch
noch die Fahnen seines ersten Buches korrigieren und innerhalb von zwei
Wochen an den Verlag zurücksenden, auf dass ein neuer James Joyce,
zumindest aber ein Jack Kerouac mit mindestens doppeltem beat per minute in
die Welt der Literatur eingeführt werden konnte. Verzweiflung musste sich da
breit gemacht haben. Alles lief auf Hochtouren in diesem Jahr 1966, jedenfalls
aber viel zu schnell. So ließ er sich einfach fallen, und zwar vom Motorrad:
Dylans Unfall war auf gewisse Weise äußerst segensreich, und er kam genau zur
rechten Zeit. Das Buch blieb erst einmal liegen. Dylan erholte sich in
Woodstock, genoss vorübergehend das Landleben als Familienvater und
musizierte zum Spaß in einem Keller mit seinen Kumpels von "The Band".

Erst ein paar Jahre später kam "Tarantula" in die Buchläden. Zu diesem
Zeitpunkt hatte sich Mr. Zimmerman schon längst entschlossen, bei seinen drei
Akkorden zu bleiben: "Ich schreibe jetzt nur noch Songs. Andere Formen
interessieren mich nicht mehr." Wie diese anderen Formen aussahen, merkte
man, als "Tarantula" endlich erschien: Man taumelt durch dieses unbenennbare
Gedichtbuch, die Sätze schaukeln einen wild durcheinander, bis man schwindlig
nur noch dem Sound vertraut und die semantischen Turbulenzen als angenehme
Achterbahnfahrt durch eine zersplitterte Gegenwart hinnimmt. In dieser
durchgeknallten Dylanschen Welt tauchen immer wieder bekannte Namen auf,
komische Käuze laufen einem über den Weg, die genauso gut einer Freak Show
entsprungen sein könnten oder dem Cover der "Basement Tapes" oder den
Songs von Bob Dylan: der Khaki Thermometer Kid, J. Edgar Hoover, die
"glitzernde jukebox-königin" Aretha, Abraham, der gute Samariter oder Truman
Peyote. Die Tarantel nimmt alles wahr, "hustende hände" oder in die Luft
fliegende Supermärkte. Dylan wird zum "Kosmonaut des Innen-Raums"
(Burroughs): In den assoziativen Traumsequenzen, einem Flow an surrealen
Erlebnissen, kommt all das vor, sagt Dylan, "was ich so im Kopf habe". Die
Geschichten - wenn man von Geschichten reden kann - erinnern an die
Szenarien aus Dylans Songs jener Zeit, die Machart an Burroughs'
"Cut-up-Technik".

Als eine Demontage der klassischen Wirklichkeit bezeichnete der Übersetzer
von "Tarantula", Carl Weissner, einmal die Cut-up-Methode. Die vorgeformte
Realität wird auseinandergenommen, damit das Verlogene dahinter sichtbar
wird. So sprechen diese Gedichte auch von der Unordnung, in der sich Amerika
dem Erzähler darbietet. Die Kritikerin Gabrielle Goodchild interpretierte
"Tarantula" als Reaktion auf den Vietnam-Krieg, so wie die Beat Generation
auch als Resonanz auf den 2. Weltkrieg und die historischen Avantgarden als
eine Antwort auf die (psychischen) Verwüstungen des Ersten Weltkriegs
verstehbar sind. Dylan wollte mit seinen rasenden Prosagedichten an den Netzen
der Taranteln reißen, "dass eure Wut euch aus eurer Lügen-Höhle locke, und
eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort 'Gerechtigkeit'", wie es knapp 100
Jahre früher bei Nietzsche heißt. 

Bob Dylan: Tarantula. Ungekürzte Originalausgabe. Zweisprachig
englisch/deutsch. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Hannibal
1995. 222 Seiten, 29,80 DM.

Interview-Zitate aus: Christian Williams (Hrsg.): Bob Dylan. In eigenen
Worten. Palmyra Verlag 2001. 160 Seiten, 29,80
DM.
 


Bob Dylan: Tarantula. Ungekürzte Originalausgabe. Zweisprachig
englisch/deutsch. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Hannibal Verlag 1995. 222 Seiten

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