n.B.u
THEMES 
FRIENDS

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Friends and their strangers
Günter Amendt
Konkret 8 / 2000

Friends and their strangers
Günter Amendt
Konkret 8 / 2000

Zugegeben es war ein Fehler, auf die Frage, was ich von der Nobelpreis-Nominierung Bob Dylans halte, überhaupt zu antworten. Anstatt einfach zu sagen, es sei mir scheißegal, habe ich dummerweise auch noch öffentlich zu begründen versucht, warum ich die Nobilitierung Dylans für ziemlich daneben halte. Das war vor knapp einem Jahr in Meerbusch am Rhein. Die vernetzte und auch sonst wie äußerst kommunikative Fangemeinde hörte mit. In Hannover, Berlin, Dresden, am Rande von Dylans Frühsommertour 2000 wurde ich nun wegen meiner Unbotmäßigkeit heftig kritisiert und bis zur Belästigung angegangen. 

Sich auf Dylan einzulassen setzt ein gewisses Maß an Eigensinn voraus 
und die unnachgiebige Anstrengung, sich von der allgemeinen Verblödung 
nicht irremachen zu lassen. Viele von Dylans dedicated followers sind 
unter der Last dieser Anstrengung müde geworden. Man kann es 
nachvollziehen. Was es im Alltag bedeutet sein Interesse an Dylan 
öffentlich zu bekunden hat Wolf Reiser in seinem Rolling Stone Artikel 
vom Juni 2000, der mit einer Liebeserklärung an Dylan beginnt, es 
aber schafft, die in every kind of love erforderliche Distanz zum Objekt des Begehrens zu wahren, treffend beschrieben: "Um auf einer normalen Dummstehrum-Party mit TV-VIPchens, Zielgruppenmembern, 
Moneymakern und menschlichem mobil kommunizierndem 
Event- Füllmaterial auf schnellstem Weg kaltgestellt zu werden, muss
ich nur etwas über das letzte Dylan Konzert in Aschaffenburg oder Tambach daherfaseln." Hohn, Spott und Verachtung sind dir gewiß. 

Mancher Dylan-Liebhaber scheint nun die beabsichtigte Heimholung 
seines Idols in den Olymp der bügerlichen Hochkultur als 
Auszeichnung des eigenen Beharrungsvermögens und Bestätigung seiner jahrelangen Gefolgschaft zu begreifen. Quasi als Kompensation für erlittene Demütigungen: wird der Meister kanonisiert, sind
auch seine Jünger gesalbt. Danach kann sich nur sehnen, wer in 
dieser Welt zu Hause ist oder ihr zuzugehören trachtet. Und was sagt Dylan? 

"I have dined with kings 
I´ve been offered wings
 And I have never been to impressed"

sagt er. Dylan dürfte nicht sonderlich beeindruckt sein, sollte er nach 
mehrfacher Nennung - die Nominierungsnummer wurde bereits 1997
 angeschoben und wird seitdem jedes Jahr neu aufgelegt- 
irgendwann vom Nobelkomitee tatsächlich ausgedeutet werden. Er 
wird den Preis entgegennehmen, oder er wird ihn zurückweisen, wie 
seinerzeit Jean Paul Sartre. Es ist egal, denn der Preis bedeutet nichts,
nichts, was mit Dylans Schaffen zu tun hätte. Bereits seine Nominierung 
beruht auf einem Mißverständnis. 

Wie kann jemand, der gerade Dylans Performance in Zürich, Stuttgart, Oberhausen, Köln, Hannover, Berlin, Dresden und Regensburg gesehen 
oder den Mitschnitt gehört hat, auf die Idee kommen, diese Show 
ausgerechnet mit einem Literaturpreis auszeichnen zu wollen? 
Das war eine furiose Rockandrollshow. Den Rock wieder zum
Rollen zu bringen , daran arbeitet Dylan schon seit Jahren. 
" Now it´s just rock, capital R, no roll, the roll´s gone" klagte er in 
dem "Biograph" (1985) beigelegten Booklet. Damals wünschte er sich 
noch, daß Leute wie der Gitarrist Charlie Sexton einmal "big stars" 
werden würden Sexton habe das feeling. Jetzt, fünfzehn Jahre später, 
hat er ebenjenen Charlie Sexton in seine Band geholt neben 
Larry Campbell, David Kemper am Schlagzeug und Tony Garnier, der 
den Laden am Bass zusammenhält. Wo immer Dylan und seine Band in der Schweiz, in Deutschland oder Italien eine Bühne betraten, spielten 
sie eine Show auf hohem Niveau. (Von dem, was Dylan in Skandinavien 
gemacht und gebracht hat, weiß ich nur, was im Internet unter www.expectingrain.com zu lesen ist.) Dylans Stimme ist fest und 
ausdrucksstark. Auch körperlich scheint er topfit, so als habe er sich 
auf Maggies Schönheitsfarm einer Kur unterzogen. Von der Bühne 
kommt eine geballte Ladung Energie. Die Auswahl der Songs und 
die Reihenfolge ihres Einsatzes ist die vielleicht beste Set-Dramaturgie 
in Dylans Never Ending Tour, denn wo das Strenge mit dem Zarten, wo 
Starkes sich und Mildes paarten, da gibt es einen guten Klang. 

Die Band beginnt akustisch mit "Roving Gambler" oder einem anderen 
Traditional aus dem Fundus amerikanischer Populärmusik. Dann 
folgen drei oder vier Dylan Klassiker aus den 60er oder 70er Jahren 
begleitet von einfach schönem, weil schön einfachem Gitarrenspiel. 
Manchmal kommt die Mandoline, manchmal die Mundharmonika hinzu. 
Ein satter happy -sound sehr amerikanisch. Dylan beendet das 
akustische Opening mit Songs wie "To Ramona" oder "Tommorrow Is A Long Time", in einer anrührenden Zartheit gesungen, manchmal nur noch
 gehaucht. 

Mit den E-Gitarren und Songs wie "Memphis Blues", "Drifters Escape", 
"Country Pie" ändern sich der Sound und die Stimmung. Es wird 
dramatisch. Die markanten Punkte in diesem Teil der Show setzt er 
mit Liedern aus "Time Out Of Mind". Jeden Abend neu breitet er mit 
"Love Sick" diesem schockierend düsteren Song, das Drama einer 
gescheiterten Liebe aus. "I`m so sick of love" singt er angeekelt 
voller Abscheu und Verbitterung: "I wish I`d never met you!". Am Ende 
aber bricht die zynische Gefühlsabwehr des um seine Liebe 
betrogenen Mannes zusammen, und er muss gestehen: "I`d give 
anything to beeeeeeeeeeeee with you". Auch "Can`t Wait", "Love Sick" 
und "Not Dark Yet" inszenierte Dylan als ein hochdramatisches 
Spiel mit Trennungs-, Verlust-, und Todesmetaphern. Am erstaunlichsten 
aber ist, daß auch jene totgeklampften Protestsongs aus grauer Vorzeit, 
die Dylan selbst einmal als finger-pointing songs bezeichnet hat, 
noch immer funktionieren. Wenn er "Blowing In The Wind", 
"The Times They Are A-Changin´", "Forever Young" oder 
"Masters Of War" anstimmt, wird jeder noch so geringe Anflug 
von Nostalgie weggewischt von der entsetzlichen Erkenntnis, daß 
alles, was Dylan schon vor drei Jahrzehnten beklagt und hinterfragt 
hatte, noch immer auf der Tagesordnung steht, nur daß sich, anders 
als damals, heute kaum noch jemand für diese Tagesordnung zu 
interessieren scheint. 

"Cold Irons Bound" in der, wie man heute zu sagen pflegt 
dekonstruierten Kölner Version wäre noch einer besonderen Erwähnung 
wert. Doch es ist sinnlos, einzelne Songs hervorzuheben und die
verschiedenen Konzerte vergleichend in Beziehung zu setzen. Ob er 
nun wie in Stuttgart und Oberhausen einen Kammerton suchte oder wie 
in Köln und Berlin auf high - energy setzte, Dylan führt in jedem seiner 
Konzerte das Publikum durch die Ganze Vielfalt von Stimmungen und 
Gefühlen, die seine Songs auszulösen vermögen. 

Dylans Gitarrespiel ist kühn und verwegen. Er spielt falsch, so falsch 
wie Picasso - falsch gemalt hat. Die Ausstattung der Show- Licht und 
Kostüme- entspricht dem minimalistischen Konzept, dem die Never 
Ending Tour von Anfang an folgte. Es ist der konsequente Verzicht auf Effekthascherei. Nur im E-Teil, wenn die Band in Rage gerät, beginnt 
auch Dylan sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Er reißt die Gitarre 
hoch, das Schallloch fast auf Kniehöhe wie einst Jimi Hendrix, er 
preßt die Knie zusammen, geht in die Hocke und schwenkt die Gitarre
wie einst Chuck Berry. Dylan zitiert Rock´ n´ Roll Klischees. Das ist 
höchst amüsant und ziemlich komisch. 

Im Spätsommer wird Dylan seine Europatour fortsetzen und in Hamburg, 
Frankfurt und Münster - one night only - auftreten. Die Vorfreude 
darauf wäre größer, wenn man sich darauf verlassen könnte, dass das 
Publikum auf das zwangsneurotische Mitklatschen verzichten würde. Es 
ist mal so, dass die Deutschen kein Taktgefühl haben. Auch haben 
offenbar viele Konzertgänger noch nicht verstanden, dass ein Konzert 
keine Karaoke - Veranstaltung ist. Wenn die Leute dann noch wie in 
Dresden alkoholisiert mitsingen, obwohl sie nicht singen können und 
auch den Text nicht im Kopf haben und die wenigen Zeilen von Dylans 
Liedern, die sie in Erinnerung haben, sächsisch eingefärbt in dein Ohr 
grölen, dann beginnst du sogar den lästigen Körperkontrollen am 
Eingang der Konzertarenen einen Sinn abzugewinnen. Denn hätte ich 
in diesem Augenblick eine Waffe zur Hand, ich könnte für nichts 
garantieren.