n.B.u
HAMBURG 
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Hamburg 2003
Süddeutsche
Zeitung.de
von
Karl Bruckmaier

 

Der tricksende Schlager-König

Bob Dylan arbeitet beim Auftakt seiner Deutschlandtournee in Hamburg weiter an einem wundersamen Gesamtkunstwerk, das man erkennen und lieben, aber nicht erklären kann.

Man bereitet sich vor, so isses ja nicht. Man liest, sucht Trüffel im Internet, hört ein paar Platten. Dabei stellt man fest, dass Bob Dylan, den man gleich in Hamburgs so genannten Docks vor kleinem Publikum sehen wird, in letzter Zeit seine Konzerte gern mit „To Be Alone With You“ eröffnet, einem eher obskuren Schlager von der countryfizierten „Nashville Skyline“-Platte aus den späten 60er Jahren. Und dass er live vorwiegend Klavier spielen soll.

Schlager zu schreiben war damals noch ein veritabler Beruf, und Dylans Vermarkter sahen ihn anfangs sicher eher als Autor denn als Interpreten: Wie sollte einer mit der Stimme einer rostigen Gießkanne auch Pop-Star werden können? Also setzte er sich gelegentlich bei Musikverlegern hinters Piano und sang ihnen Musterkoffer voll, mit denen sie hausieren gehen konnten bei Odetta und den Byrds und Peter, Paul & Mary. Für jeden etwas. Und so viel, dass Dylan allein im Jahr 2003 bisher 102 verschiedene Lieder auf der Bühne aufgeführt hat, ohne damit seine Song-Ressourcen auch nur annähernd auszuschöpfen.

Nun war aber auf der Bühne in Hamburg weit und breit kein Klavier zu sehen, und als die Lichter ausgingen und die Musiker rauskamen, rumpelte keineswegs das Erwartete aus den Boxen, sondern eine schwer herunter gewirtschaftete „Maggie’s Farm“. Und Bob Dylan stand hinter einem unscheinbaren E-Piano, hingehutzelt vor sein Mikrophon, in das er erst einmal einen Sack voll Mundharmonikakartoffeln entleerte: Weiter kann man von gelackt zur Schau gestellten Arbeitsproben für den Wiederverkauf nicht entfernt sein. Da liegen mehr dazwischen als dreißig Jahre. Das hat ein Leben gedauert und ein Leben erfordert, bis man so etwas kann und darf.

Aus den Musikruinen von „Maggie’s Farm“ erstand im Lauf von zwei Stunden wieder eines jener wunderlichen Gesamtkunstwerke, die man Dylan-Konzert nennt. Auch wenn ich ihn hier zum vielleicht zwanzigsten Mal sehe, den großen Trick kann ich einfach nur beschreiben, nicht erklären. Zuerst steigt die Dame im Bikini in den Kasten, dann wird ein wenig mit Tüchern und Reifen hantiert, schließlich eine Säge hervor geholt und die Kiste durchgesägt. Hinten wackeln die Zehen, vorne lächelt der Mund und in der Mitte ist deutlich sichtbar getrennt, was eigentlich zusammen gehört. Applaus und Vorhang. David Bowie vermag nur Abziehbilder seiner alten Lieder zu präsentieren. Die Stones perfektionieren die Karikatur. Neil Young variiert mit Verve das ewig Gleiche. Und Lou Reed macht sich über uns lustig. Aber nur Bob Dylan schafft die Lieder bei jedem Konzert neu. Oder zumindest vermag er diese Illusion zu erzeugen.

Rhythmen werden gewechselt und die Tempi, die Instrumentierung, die Einzelbestandteile der Texte, die Haltung zu den Songs, alles ist im Fluss; längst aufgegeben Geglaubtes ersteht neu: Das einzig Konservative an einem Dylan-Konzert ist der Glaube an die permanente Umwälzung des Gesicherten. Dazu braucht es die geeigneten Musiker, und die hat Dylan zur Verfügung, seit er sich seine Working Band um Tony Garnier und Larry Campbell leistet, aktuell ergänzt um den hart rockenden Schlagzeuger George Recile und den Gitarristen Freddie Koella. Dieser hat Charlie Sexton abgelöst, und was man für einen Verlust halten musste, erweist sich als Zugewinn: Jetzt erst hört man, dass sich Campbell und Sexton vielleicht zu oft im Weg waren. Koella bringt einen tieferen, wärmeren Rock’n’Roll-Ton in die Musik ein, Campbell verlässt sich vornehmlich auf die Rhythmusarbeit. Nein: das Rhythmusvergnügen.

Denn hier wird plötzlich das noch niegelnagelneue „Cry A While“ wie das steinalte „It's Alright Ma“ – der frühe und unzweifelhafte Höhepunkt des Konzerts – einer fast Magic Band-haften Verdichtung unterworfen, Dylan im Beefheart-Kompressor, dazwischen tänzelnder Freilauf, tippelnde Teeniehaftigkeit bei „If You See her Say Hello“, danach erschlaffte Lounge-Musik im „Moonlight“ oder Caligari-hafter Gruselexpressionismus bei „Man in the Long Black Coat“. Donnernder Fast-Metal bei „Cold Irons Bound“ und „All Along the Watchtower“. Aufgekratzt swingender Scheinrockabilly über „Summerdays“, die längst vergangen sind. Mehrstimmiger Gesang und akustische Einlagen sind Vergangenheit: Dylan, meist am Keyboard – für drei Stücke nur beschwert er sich mit der E-Gitarre – scheint ein fast unverschämtes Vergnügen zu haben an dieser feuerspuckenden, schwertschluckenden Gaukelei aus fünf Jahrzehnten Lebenswerk; mal gurrt er die Texte einem Gretchen ins Ohr wie Mephisto, mal rezitiert er sie scharf, ja brechtisch. Dann spuckt er Häme, bleckt obszön die Zeilen ins Mikrofon – ein scharfer, ein erschreckender Kontrast dann, wenn er zum Abschied vor sein Publikum tritt, ein alter Mann, sicher nicht bei bester Gesundheit. Als habe mit dem letzten Ton, der letzten Textzeile alle Kraft seinen Körper verlassen. Und so ist es wohl auch.