n.B.u
HAMBURG 
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Hamburg 2003
Spiegel. online
Wolfgang Höbel

 

Dylans lässiger Triumph - zwei Daumen rauf

Bei seinem Auftritt in Hamburg verzichtete Bob Dylan darauf, sich als Ikone zu stilisieren. Er blieb ganz bei sich, machte seine Musik und sorgte so für einen großartigen Abend.

Der Mann braucht keine blinkenden Videoleinwände wie tags zuvor David Bowie, der am Donnerstag in Hamburg leider erbärmlich müde aufspielte; der Mann braucht keine ranschmeißerischen Grußadresssen ans Publikum von der Sorte "Guten Abend, Hamburg"; ach was, Bob Dylan hat's nicht mal nötig, wie fast jeder Bandleader der Welt in der Bühnenmitte herumzuhüpfen, damit auch jeder Zuschauer merkt, wer dort oben der Boss ist. Dylan war am Freitagabend zum Start seiner Deutschlandtour fürs Publikum im Hamburger Musikclub "Docks" mehr als zwei Stunden lang der Mann links außen.

Souveräner Herrscher und zauselige Diva in Personalunion, machte er sich am Rand des Geschehens mit flinken Fingern und leicht gebeugtem Rücken an einem Keyboard zu schaffen - und sang sich mit ausgeruhter und bei aller Raukehligkeit erstaunlich wohlklingender Stimme durch sein seit Jahren nur mit allergrößter Vorsicht verändertes Live-Repertoire. Wie immer gab's die ganz großen Knaller, hier also "All Along The Watchtower" und "Like A Rolling Stone", erst kurz vor Schluß; wie immer gab's schön irritierende Momente, weil man alte Klassiker wegen seltsamer Beats und veränderter Melodien kaum wiedererkannte. Bei "Love minus zero" und "If you see her say hello" schien's glatt so, als singe der die Texte zum jeweils anderen Arrangement. Und immer dann, wenn Dylan an diesem Abend besonders gut gelaunt war, bewegte er sich mit schwankendem Seemansgang ein paar Schritte an die Bühnenrampe, strahlte ins Publikum und hob seine beiden Daumen - als wolle er die Menschen ermutigen: Jubelt nur weiter so!

Egal: Es war ein ganz und gar großartiges Konzert in ziemlich intimer Clubatmosphäre; eines, das Dylan ganz bei sich und lässiger denn je in der Form seines Lebens zeigte; und eines, das mit aller Kraft bewies, das der kurzgewachsene Mann aus Hibbing/Minnesota keinesfalls nur noch als Heiligenfigur für die Anhänger einer bizarre Sekte taugt, die oft nervtötende (wenngleich mir sehr sympathische) Gemeinde der Dylanologen.

Im Ernst neigen übrigens nicht nur die allzu ergebenen Fans dazu, den Meister Dylan bisweilen schwer zu überschätzen - das passiert auch dem Künstler selbst. Als Schauspieler soll er bei seinem jüngsten Auftritt im US-Film "Masked and Anonymous" zum Beispiel die blanke Katastrophe sein. So ähnlich verhält sich's auch mit der Rolle des Erleuchteten, die ihm ein harter Kern von Jüngern zutraut: Jener Bob Dylan, der da auf der Hamburger Bühne ohne Schnörkel und mit einer formidablen Band im Kreuz seine Kunst zeigte, ist kein zerlumpter Erlöser und noch nicht mal ein neuer Moses - aber warum sollten wir deshalb traurig sein? Ein großer,verwegener, unermüdlich am eigenen Werk weiterfeilender Musiker ist wunderbar genug.