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HAMBURG 
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Hamburg 2003
Mitteldeutsche
Zeitung
von
Andreas Montag


Es rollt der Stein und es rockt der Blues

 
Sängerpoet ist in Deutschland unterwegs - Mittwoch in Leipzig
 
Hamburg/MZ.
Neunzehn Uhr, das "Docks" auf der Reeperbahn. Keine Zeit, kein Ort für ein Rockkonzert? Aber sicher doch, und ob! In der Hamburger Musikkneipe, etwa so groß wie die hallesche Easyschorre, hat Bob Dylan am Freitag seine Deutschlandtour begonnen, übermorgen wird er in Leipzig sein.

Das Wort Deutschlandtour ist freilich in gewisser Weise irreführend angesichts dessen, was den Großmeister der Verstellung und des Hakenschlagens seit Jahren umtreibt in seiner unendlichen Weltreise - ein einsamer, düster-genialischer Wolf, der den Mond anheult. Aber das ist eben auch nicht mehr als eine der lyrischen Legenden um Dylan, die allerdings zu den bestplatzierten im Pop-Geschäft gehören. Sie werden von den Fans umso begieriger aufgenommen, als sie ihrem Idol niemals näher kommen, als sie es doch schon sind - wenn er singt, gibt er ein Stück von sich preis. Das kann mal größer, mal kleiner ausfallen, je nach Tagesform und Laune. In Hamburg, am Freitag auf der Reeperbahn, gibt es ein dickes Stück Dylan.

Eingekeilt, dass kein Ohnmächtiger umfallen könnte, umwabert von Deodiesel, Kneipendunst und ein paar zünftigen Haschischwölkchen, erleben glückliche Menschen den 62-jährigen Sängerpoeten und seine Band in großer, entspannter Form. Kopenhagen war gestern, in einem Monat wird es Dublin sein - niemand weiß, ob Dylan weiß, an welchem Punkt seiner Reise er gerade ist. "Hallo Hamburg" hat er jedenfalls nicht gerufen und auch nicht "Danke" gesagt. Die Reise unternimmt er zu sich selbst, auf dem Ticket steht Blues, zeitweilige Genossenschaft des Volkes im Saal ist willkommen.

Vielleicht ist ja auch Wolf Biermann da, wer weiß. Das Gedränge ist groß, Herr Biermann ist klein. Eben hat er Dylans "Eleven Outlined Epitaphs" nachgedichtet (Kiepenheuer & Witsch"), feine Arbeit. Nur eins der beigefügten Notate, das Ostberliner Dylan-Konzert von 1987 betreffend, macht den Zeugen gallig: "Der amerikanische Mietkünstler sah nun die dressierten Blauhemd-Kolonnen der Staatsjugend vor sich". So war das also!

Mensch, Biermann, da lob ich mir das Original: Das zornige Lied von "Maggie's Farm" singt er mit solchem Gänsehaut-Groove, dass heller Jubel herrscht in allen Herzen. Genau dieser Song ist es, den er hier als ersten spielen muss. Dieses Stück ist es, das die Leute jetzt brauchen. Dylan macht das einfach großartig. Er gibt ihnen, was sie hören wollen. Eben hatten sie das noch gar nicht gewusst. Er erfindet seine Stücke immer und immer neu, er lässt den Rhythmus im Augenblick fallen und jault wie der verlorene Liebende, der er selber war und ist: "Boots Of Spanish Leather" singt er und das wundervolle "Love Minus Zero / No Limit". Am Ende knallt er noch "Like A Rolling Stone" und "All Along The Watchtower" hin. Dylan ist nicht zurück - er war niemals fort, Freunde.