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HAMBURG 
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Hamburg 2003
Hamburger Abendblatt
von
Heinrich Oehmsen

 

Ein Magier und seine Songs

Bob Dylan: Auf seiner "Never Ending Tour" trat die Rock-Ikone an zwei Abenden in Hamburg auf.

Die Sicherheitskräfte im Docks haben alle Hände voll zu tun. Jeder Besucher wird sorgfältig abgetastet, jede Tasche mit Argusaugen durchsucht - nicht nach Waffen oder Alkohol, sondern nach Kameras. Denn seit einigen Jahren ist Bob Dylan so publicityscheu, dass ein Blitzlicht zu einem abrupten Konzertende führen kann. Deshalb haben auch noch nicht alle Fans die Kontrollen passiert, als Robert Allen Zimmermann am Sonnabend beim zweiten seiner beiden Hamburg-Auftritte in gewohnter Pünktlichkeit um 19.07 Uhr auf die Bühne des Docks kommt.

Der in einen mit silbernen Nieten beschlagenen schwarzen Anzug bekleidete Dylan greift nicht zu seiner Fender Stratocaster, sondern stellt sich am linken Bühnenrand hinter ein E-Klavier und drückt in den folgenden zwei Stunden die Tasten eher anfängerhaft, als dass seine Finger virtuos über das Keyboard fliegen. Aber wegen seiner instrumentalen Fähigkeiten hat sich noch kein Fan eine Eintrittskarte gekauft, auch kaum wegen seiner krächzenden, näselnden Stimme. Er kann nicht spielen, er kann eigentlich nicht singen, doch er fasziniert ein großes Publikum seit 1962, als er 21-jährig sein erstes Album veröffentlicht und zur New Yorker Folkszene zählt, die später zur Protestsongbewegung wird.

Es sind seine Songs und ihre immer neuen Interpretationen, denen man sich nicht entziehen kann. Es sind die Weltklassemusiker, die Dylan immer wieder um sich schart und die ihn bei seiner "Never Ending Tour" begleiten, die 1988 in Los Angeles begonnen hat und in deren Verlauf Dylan mehr als 1500 Shows mit mehr als 400 verschiedenen Songs und insgesamt 14 wechselnden Musikern gespielt hat. Vielleicht sind es auch der tiefe Respekt und die Bewunderung, die diesem Ausnahmekünstler und wichtigsten Songschreiber der vergangenen Jahrzehnte entgegengebracht werden. Oder die Geheimnisse, die ihn umgeben. Denn Dylan gibt keine Interviews, über sein gegenwärtiges Privatleben ist nichts bekannt. Nur seine Platten sind da und seine Konzerte.

Die beiden Hamburger Abende eröffnet er mit "Maggie's Farm". Doch neun von 17 Songs wechselt er in der Sonnabend-Show gegenüber dem Vorabend. Zum Beispiel eine rockige Version von "Highway 61 Revisited" ist gegenüber dem Original von 1965 kaum wiederzuerkennen. Oder das schnelle "Tweedle Dee & Tweedle Dum" aus seinem jüngsten Studio-Album "Love & Theft". Dylan und seine Band mit den Gitarristen Larry Campbell und Freddie Koella, Bassist Tony Garnier (der ihn seit 1989 begleitet) und Schlagzeuger George Recile spielen einen Set aus temporeichem groovenden Rock und Bluesstücken, neue Songs aus "Love & Theft" neben Klassikern wie "It's All Over Now, Baby Blue" und "It's Alright Ma (I'm Only Bleeding)". In der Zugabe gibt es mit "Like A Rolling Stone" und "All Along The Watchtower" noch zwei der bekanntesten Dylan-Songs.

Kommunikation mit dem Publikum gibt es während der 130 Minuten des Konzertes nicht. Ein auf die Bühne geworfener Blumenstrauß wird ignoriert und schnell von einem Roadmanager weggeräumt. Dylan schenkt dem Publikum seine Songs, aber sonst nichts. Kein "Danke, Hamburg", am Ende immerhin die Andeutung eines Lächelns und einer Verbeugung. Am Hinterausgang des Docks wartet bereits der Tourbus. Minuten später haben Dylan und seine Band ihn bestiegen. Keine Autogramme, nur schnell weg. Denn die "Never Ending Tour" geht weiter und weiter. In ein bis zwei Jahren wird Bob Dylan wieder nach Hamburg kommen. Mit der gleichen Griesgrämigkeit und einem anderen Programm. Und seine Fans werden wieder zu Tausenden kommen. Denn wer mit dem Dylan-Virus infiziert ist, kann sich seiner Musik nicht entziehen.