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Hamburg 2000
Süddeutsche
Zeitung
Willi Winkler

Taube können wieder hören 

Es muss wohl Liebe sein: Bob Dylan und die himmlischen
Heerscharen in Hamburg Ein wahrlich harter Regen geht hernieder:
bald..., schon wieder..., noch immer. 

Wenn einmal alles vorbei ist, wenn Gerichtstag gehalten
wird über Hoch und Nieder, über Schlimmlinge und
Bösnickel und auch über die Handvoll guter oder sogar
besserer Menschen, die es ja auch geben soll, dann droht
Bob Dylan die ewige Verdammnis. Der eisgraue
Weltenrichter wird das große Kontorbuch hervorholen, wird
prüfend mit dem Zeigefinger über die blauen und roten
Linien fahren und unter "Dylan, Bob, geb. Zimmerman"
lauter Missetaten verzeichnet finden. Sünder Bob, steht da
in vorwurfsvollem Sütterlin, Sünder Bob hat ungezählte
junge und bis dahin unschuldige Menschen zum haltlosen
Gitarrenspielen im Verein mit Rotwein - Abusus verleitet;
hat Wolfgang Niedecken und den ubiquitären Bapismus
möglich gemacht; hat ein paar der grässlichsten Lieder
geschrieben, die je aus dem Radio plärrten; und er hat, der
Sünder Bob, die Popmusik, das schöne, dumme
Schundwerk, auf alle Zeiten verernstet. Pop ist tot, seit Bob
ihm unbedingt Bedeutung geben musste. 

O, der Sünder ist geständig und der Reue voll, und der
ewige Weltenrichter in seiner ewigen, geradezu
Lammsgeduld hört sich Beichte und Bekenntnis gnädig an.
Ja, er hat damals Blowing In The Wind zusammengedichtet,
gesteht er zerknirscht, das mit der Taube und dem Meer
und dem Hafen von Pir-ä-uss oder so ähnlich; jajaja, und 
I Shall Be Released, dieses Abgreiferstück bei der
Bürgerrechtsbewegung, jaha; und – und hier wird der
Sünder karmesinrot vor Scham – Rainy Day Woman,
natürlich, wo die Suffköppe mitgrölen und sich nicht mehr zu
fassen wissen vor grinsender Begeisterung über diese
Aufforderung zum hemmungslosen Kiffen . . . Mea culpa,
mea maxima culpa . . .

Dem Weltenrichter gefällt es, wie sich der Delinquent
windet. Ein wenig harthörig geworden ist er mit den Jahren,
denn immer wenn Bob Dylan etwas zusammennölte von
Ost und West und Farm-, World- und Aids-Aid und nochmal
die finstren Kriegsherren aufmarschieren oder den
amerikanischen Präsidenten nackt da stehen ließ, schob der
große Weltenrichter eine andere CD aus der
Decca-Sammlung in seinen himmlischen Player und hörte
"Beggars Banquet" oder "Between the Buttons" oder,
wenn der gestrenge Haus- und Hofmeier Petrus seinen
freien Tag hatte: "Their Satanic Majesties Request".
Jedesmal drehte er den großen Regler noch lauter und sang
mit, dass die azurnen Scheiben klirrten, "Please allow to
introduce myself, I’m a man of wealth and taste . . . " Oder
aber summte leis, denn der große Weltenrichter war ein
womöglich noch größerer Nihilist: Oh no no no . . . 

Der Sünder fleht um Vergebung 

Viel kann er also nicht mehr verstehen, der Oberste Richter
am alleröbersten Gericht, aber um so mehr verzeihen. Der
Sänger jedoch, auch er ein reicher Mann und nicht ohne
Geschmack, hat eine Bootleg mitgebracht. Im nördlichen
Deutschland ist sie aufgenommen, keineswegs rauscharm
und offenbar mit einem schandbar schlechten Mikrofon
mitten in den beifallsüchtigen Fans. Der Sänger erinnert sich
noch vage an diesen scheußlichen Bunker, die
Alstersporthalle in Hamburg, und hatte seiner Band (zwei
Gitarren, Schlagzeug) deshalb Anweisung gegeben, aber
schon wie reinzuhauen. 

Ja, stimmt, erinnern sich die allwissenden Engelsschöffen
zur Rechten und Linken des Großen Vorsitzenden, der
vorgeladene Sünder Bob wollte es ziemlich laut haben da in
Hamburg. Wie so oft musste man befürchten, dass er bloß
seinen Katalog abspielte, da mal reingegriffen, hier ein
Zwinkern, hey, Leute, ich bin’s, ganz der alte Bob, und
vergesst nicht, fleißig meine Platten zu kaufen, auf denen ihr
mich notfalls auch verstehen könnt. Nein, stimmt, der
Schuldige Bob sang und spielte um sein Leben, er flehte um
Vergebung und lieferte reichlich Wiedergutmachung für die
Sünden seiner frühen Jugend und also reinen Pop. 

Schon beim dritten Stück, It’s Alright, Ma geht ein Zucken
durch den immer noch erstaunlich zierlichen Mann, beginnt
er wie der unsterbliche Gene Vincent vorsichtig und
zugleich zu allem entschlossen zu beben. Die Stimmbänder
hatte er auf seiner niemals endenden Welttour, die ihn in
diesem anno jubilo bereits zum zweiten Mal nach
Deutschland führte, haarfein aufgeraut und rücksichtslos
zerfetzt er sie weiter. Den Tombstone Blues singt er und
Like A Rolling Stone, aber die E-Gitarren zielen
unbarmherzig auf den Bauchansatz, und von der
existentialistischen Botschaft der frühen Jahre (Sind wir
nicht alle ein Stein im Wind? Ein Däne im Ozean??) bleibt
nur schöner, reiner Lärm. 

Vor der kurzen Pause kommt dann wirklich das Kifferstück
und unweigerlich wird er freigelassen werden vom Osten bis
hin zum Westen und so weiter, aber da erinnert sich
der ganz und gar Ohr lauschende Weltenrichter wieder
seiner legendären Geduld und erträgt auch diesen Füller.
Der Sünder Bob zersingt nämlich sogar seine klassischen
Leitartikel zu fröhlichen Pop-Fantasien. Die Bootleg-CD
knirscht und knarzt, dass Gott erbarm, aber der
Weltenrichter hört begeistert den Anfang von Highway 61
Revisited und hat selig lächelnd ganz vergessen, dass der
aufmüpfelnde frühe Bob ihn damals schwer theodizeemäßig
anging wegen dieser Isaak-Geschichte: "Ah Gott sagte zu
Abraham: "Bring einen Sohn um für mich . . . " 

Oh nein, nein, nein, das muss inzwischen auch der eisgraue
Weltenrichter zugeben, das ist nicht mehr der gute alte
Dylan, den er einfach nicht mehr hören konnte (und deshalb
vorsorglich ertaubte), das ist nicht mehr der arme Poet für
die Schirrmachers dieser Welt, das ist viel besser, das ist
sogar gut. 

Die wahre Kunst, Pop persönlich, entfaltet sich freilich erst
im Rührstück. Die alte Hymne aus Easy Rider, Watching
The River Flow, hat der Sünder Bob in Hamburg wieder mal
hervorgeholt, aber Höhepunkt aller Dylan-Konzerte der
Jahrtausendwende und auch diesmal ist Love Minus Zero.
Manche sprechen von der Zukunft, singt der Sänger, meine
Liebste, sie spricht sanft. Sie nämlich weiß, dass es keinen
größeren Erfolg gibt als das Scheitern. Die Steel- Guitar
wimmert und jault dazu, der Sänger verschluckt ein
Schluchzen, es muss Liebe sein oder absolute Musik. Wer
das nicht begreift, der hat kein Herz und erst recht keinen
Verstand. 

Auf den großen Weltenrichter aber ist Verlass. Allwissend
und allgescheit ist er sowieso, und ein Herz hat er, so groß
wie die Innere Mongolei. Und auf seine alten Tage, versteht
man ja, hört er nur mehr gute Musik: Pablo Casals, bisschen
Schubert, die frühen Rolling Stones, und wenn es unbedingt
sein muss Alban Berg, "Requiem für Manon". Bob Dylan
hatte er nicht mehr auf dem Player seit Jahren, aber jetzt hat
er sich im Lager das Gesamtwerk "Dylan, Bob" bestellt,
und nach den Bootlegs sollen die himmlischen Heerscharen
bitte ganz besonders gründlich suchen. (Generalamnestie
winkt!) 

Der große, eisgraue Weltenrichter klappt das unförmige
Kontorbuch zu, winkt den Sänger huldvoll heran und drückt
ihn gerührt an sich. Die Engelsschöffen haben es ganz
deutlich gehört, was er dem Sünder Bob ins Ohr brummte:
"Hail, hail, Rock’ n Roll!" Und im Himmel herrschte mehr
Seligkeit über diesen einen Sünder als über hunderttausend
gerechtsame und furchtbar langweilige Musikanten. Yo! 


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