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Bob Dylan in Berlin 2007 - Bootlegcover


Berlin 2007
Die Welt
von
Peter E. Müller

Wenn Bob Dylan schweigt, wird alles gut

Auf seiner "Never Ending Tour" hat der Meister wieder in Deutschland Station gemacht. In Berlin spielte Bob Dylan am Donnerstagabend komplett zersägte Versionen seiner Klassiker. Manche haben sogar ein ganz berühmtes Lied erkannt - irgendwas mit "Wind".
Die Zusammenkunft erinnert ein wenig an die alte Fernsehshow „Erkennen Sie die Melodie?“ Nichts Neues freilich bei einem Treffen mit dem kleinen Mann, der in seiner mittlerweile 45 Jahre währenden Karriere stets künstlerisch gedreht und gewendet hat, eingefleischte Fans vor den Kopf stieß und beständig weiterzog auf seinem Weg durch die frühe amerikanische Folk- und Popgeschichte.
Heute weiß Bob Dylan, der noch diesen Monat 66 Jahre alt wird, längst eine weltweit vernetzte Gemeinde hinter sich, die ihm auf die dünnen Finger schaut, die ihm an den dünnen Lippen hängt und die Teil hat an diesem wortmächtigen und inzwischen schier unüberschaubar gewordenen Lebenswerk, mit dem Dylan die amerikanische Musikhistorie pflegt, zu deren Teil er längst selbst geworden ist.

Einheitlich in Grau

Der Mann ist pünktlich. Altersgerecht sozusagen beginnt sein Berlin-Gastspiel, das ihn in diesem Jahr in die Max-Schmeling-Halle führt, um Punkt 19.30 Uhr mit der klassischen Lautsprecheransage „Please welcome Columbia recording artist Bob Dylan“. Wie damals. Eigentlich wie noch viel früher, denn diese ganze Show gibt sich als Rhythm ’n’ Blues-Revue der vierziger Jahre, nur die Songs sind aktueller. Fünf Musiker hat er im Rücken, einheitlich in grauen Anzüge gesteckt. Dylan trägt schwarz, dazu einen weißen Cowboyhut. Und sagt kein Wort.
Er hat zur Freude all jener, die seinem Keyboardspiel der vorigen Tourneen nicht viel abgewinnen konnten, die E-Gitarre geschultert und singt zur Eröffnung „Absolutely Sweet Marie“ vom 1966er „Blonde On Blonde“-Album in einer treibenden, von Blues und Country durchzogenen Fassung. Nein, eigentlich singt er nicht. Der Dylan der reifen Jahre hat sich auf einen unnachahmlichen, mystischen, bedrohlich knarzenden Sprechsingsang verlegt, mit dem er durch eigenwillige Phrasierungen und Betonungen die alten Lieder immer wieder zerstört, zerstückelt und neu, nur für diesen Moment an diesem einen Abend, zusammensetzt. Das macht er großartig.
Wie ja überhaupt ein jedes Konzert zu einer Überraschung wird, vor allem für jene, die ihm auf seiner Tournee hinterher reisen, um vielleicht tatsächlich einmal genau ihren ganz persönlichen Dylan-Favoriten live erleben zu können. Denn die Songabfolge wechselt von Abend zu Abend, stets werden Songs verworfen und neue in die „Setlist“ aufgenommen.

Bloß nicht zweimal nachdenken

Nach dem Opener hat sich die Band, die unverschämt cool im dämmrigen Hintergrund lümmelt, warm gespielt. Gitarrist Denny Freedman perlt bei „Don’t Think Twice (It’s Allright“) über die Saiten, als wäre der leibhaftige Gitarrenguru Les Paul in ihn gefahren. „It ain’t no use to sit and wonder why, babe“ gurgelt Dylan so wunderbar unverschämt erdig aus sich heraus, dass vielen im Publikum erst beim Refrain so richtig klar wird, um welchen Jahrhundertsong es sich da handelt.
Längst ist die nüchterne Schmeling-Sporthallenatmosphäre vergessen. Längst fühlen wir uns alle wie einem kleinen, schäbigen, überhitzt schwülen Saloon irgendwo im amerikanischen Süden und wohnen dem Auftritt einer phänomenalen Kapelle ganzer Kerle bei, die Blues und Gospel, Folk und Jazz, Country und Rockabilly zu einem so würzigen wie aufwühlenden Gumbo-Eintopf vermengen. Und der maitre de cuisine rührt die Saiten und serviert „Just Like Tom Thumb’s Blues“ vom 1965er- „Highway 61 Revisited“-Album. Mit „It’s Allright Ma (I’m Only Bleeding)“ folgt noch so ein monolithisches Relikt der sehziger Jahre, das einem mit gehörigem Druck euphorisierend um die Ohren pfeift.
Doch es sind natürlich nicht nur Klassiker, die das Repertoire bestimmen, wie im Verlauf der Show „Desolation Row“, „My Back Pages“ oder „Tangled-Up In Blue“. Gut die Hälfte stammen von den beiden Alben „Love and Theft“ von 2001 und „Modern Times“ vom vergangenen Jahr, die Bob Dylan im 21. Jahrhundert verankerten, die ihm wieder vorderste Charts-Positionen einbrachten.

Der Meister dann doch an der Orgel

Mit dem leichgängig swingenden „The Levee’s Gonna Break“ von „Modern Times“ ist dann auch Schluss mit Dylan an der Gitarre. Er wechselt zur Orgel und bleibt dort für den Rest des Abends. Und da, mit Blickkontakt zu seinen Musikern, scheint er sich wohler zu fühlen. Er wippt und tänzelt, gibt Zeichen, ja, fast scheint es, dass ab und zu ein Lächeln die straffen Gesichtszüge streift. Er sagt aber immer noch kein Wort.
Der Sound ist der weitläufigen Halle entsprechend überraschend gut, die Lichtregie setzt auf Schattenwirkung. Insgesamt 17 Songs spielt Bob Dylan in Berlin vor, darunter auch die herrliche neue Ballade „Nettie Moore“ und als letzte Zugabe das alte Schlachtross „All Along The Watchtower“ als wunderbar brachialen Rausschmeißer. Ein paar Worte sagt der ewige Troubadour dann doch noch. Er stellt die Musiker vor, die ihm auf seiner „Never-Ending“-Reise zur Seite stehen. Den altgedienten Tony Garnier am Bass, Gitarrist Denny Freedman, Rhythmusgitarist Stu Kimball, Donnie Herron an Geige und Pedal Steel Guitar und George Recile am Schlagzeug.
Und als man die Stätte dieser wunderbaren Begegnung nach exakt zwei Stunden verlässt, hat man das sichere Gefühl, einem außergewöhnlichen Konzert beigewohnt zu haben. Von gerade zu unerhörten Ausmaßen: Neben mir hat einer sogar „Blowing In The Wind“ gehört. Komisch, ich nicht.


Bob Dylan in Berlin 2007 - Bootlegcover