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Bob Dylan in Berlin 2007 - Bootlegcover


Berlin 2007
Märkische Allgemeine
von
Lars Grote


In den Wind geschlagen

Bob Dylan kam nach Berlin, lächelte nicht, trug aber einen hellen Hut, der sehr nach Texas aussah, und zersägte seine Lieder meisterhaft

LARS GROTE

Vorab kam eine Mail, gesendet vom Veranstalter, in der stand ungefähr: Bob Dylan beginnt um 19.30 Uhr, seien Sie pünktlich, Dylan wartet nicht. Ihren Fotografen können Sie zu Hause lassen, Dylan lässt sich schon seit zehn Jahren nicht mehr auf der Bühne fotografieren. Sie sitzen in Block G, Reihe 8, Platz 10.

Das klang nicht nach Spaß, das klang nach Terminabsprache für eine Butterfahrt.

Donnerstag, Dylan beginnt um 19.32 Uhr: "Absolutely Sweet Mary" vom Album "Blonde On Blonde" anno 1966. Um 19.31 Uhr setzt sich Heike Makatsch, "Absolutely Sweet Heike", in Block G, eine Reihe vor den Rezensenten, doch man kann gut über sie hinwegschauen. Sie ist nicht so groß. Und noch lange nicht so alt wie Sweet Mary.

Der Meister sägt, zerlegt seine Songs, ist blendend bei Stimme – es geht ein Raunen durch die Berliner Max-Schmeling-Halle, wenn die Leute seine dekonstruierten Lieder erkennen. "It ain’t no use to sit and wonder why, babe", gurgelt er, das ist "Don’t Think Twice (It’s Allright)". Er singt es so entspannt, als würde er auf einem Gaul gen Sonnenuntergang wippen. Nichts zu hören von der Atemlosigkeit des Originals. Heike Makatsch, im vergangenen Jahr Gewinnerin des Bambi für ihre Rolle der Kuscheltierfabrikantin Margarete Steiff, wippt mit, als säße sie neben Bob zu Pferde. Sie dreht sich um, bittet das reife Blumenmädchen aus Reihe acht um deren Opernglas, und so teilen wir drei uns im Laufe des Abends dieses Glas: Heike Makatsch, das reife Blumenmädchen und der Rezensent.

Durch das Opernglas sieht man Bobs Aufzug: weißer Cowboyhut, dunkler, sehr texanischer Dreiteiler. Die fünf Begleitmusiker tragen grauen Anzug samt Krawatte, sie wirken wie sehr gepflegte Mafiosi. Leider braucht man in Block G das Opernglas für derlei Details. Denn G heißt: ganz hinten. Heike Makatsch hat nach "Don’ Think Twice" mit ihrem Käsebrötchen zu tun und hantiert mit einem Becher Bier.

Ob Dylan lächelt? Jede Stadt, in der er lächelt – er tut es jährlich maximal auf zwei Konzerten –, fühlt sich als die auserwählte. Nein, ein Berliner Lachen lässt sich nicht mal mit Opernglas erkennen. Er redet kein Wort mit dem Publikum, das darf man nicht persönlich nehmen. Er spielt zwei Stunden, das indessen ist ein Gunstbeweis; letzthin in Leipzig waren es wohl nur 70 Minuten. Kurz vor Schluss stellt er die Musiker vor. Ein Ritus.

Mittlerweile hat sich sein Tonfall jenem von Tom Waits genähert. Ganz tief. Er artikuliert nachlässig, wie immer, doch sein Sound ist selbst in dieser Monsterhalle glänzend. Der Unterschied zwischen Bob Dylan und Tom Waits aber: Dylan nölt, Waits nörgelt. Zwischen Nölen und Nörgeln liegt eine himmelweite Differenz. Wer immer noch behauptet, Dylan könne nicht singen, der hat einen von der Hochkultur sehr korrumpierten Begriff von Gesang.

"My Back Pages" rezitiert er ohne jenen Zierrat, den die Byrds dem Song später übergeholfen haben. Er singt ihn nicht, er spricht ihn. Es ist kein Lied mehr. Nur noch Literatur. Man munkelt ja schon länger, er sei bald reif für den Nobelpreis.

"Blowin’ In The Wind", nur am Text zu erkennen, klingt wie ein Walzer – frei von Ballast. Die Melodie? Schlägt das Original in den Wind.

"All Along The Watchtower", der Rausschmeißer nach gut zwei Stunden: Dylan spuckt die Wörter aus, trägt sie vor wie eine Moritat, wie eine Mörderballade. Ganz anders als Jimi Hendrix, der diesem Lied so viele Drogen beigemengt hat.

Es ist müßig, festzuhalten, was für ein guter Musiker dieser Bob Dylan ist, auch mit beinahe 66 Jahren noch. Doch es ist wichtig, festzuhalten, wie souverän er ist, wie unbeugsam, wie selbstgewiss. Heike Makatsch, das reife Blumenmädchen und der Rezensent gehen nach Hause, nicken sich einander zu – sprachlos.


Bob Dylan in Berlin 2007 - Bootlegcover