n.B.u
BERLIN 
REVIEWS

n.B.u
BERLIN 
REVIEWS


Bob Dylan in Berlin 2005 - Bootlegcover


Berlin 2007
Berliner Morgenpost
von
Uwe Sauerwein

Wenn Bob Dylan schweigt, wird alles gut

Der alte Mann am Klavier

Audienz einer Ikone: Bob Dylan entsagt der Gitarre und verzückt in der Arena trotzdem seine Fans

Er werde niemals mehr auf Maggies Farm arbeiten, verrät Bob Dylan im ersten Song. Viele seiner Fans bekommen das noch gar nicht mit, dank der Sicherheitsleute, die draußen gewissenhaft ihren Job tun. Der Star des Abends, der in der Treptower Arena mit brüchiger Stimme gegen Ausbeutung und Erniedrigung singt, setzt auf pünktlichen Beginn und macht keine Überstunden. Er mutet sich schließlich selber eine ganze Menge zu.

Seit Ende der Neunziger ist der heute 64jährige auf "Never Ending World Tour", und da er keine aktuelle CD im Gepäck hat und aus etwa 40 Alben sein Repertoire schöpft, spielt er jeden Abend ein anderes Programm. Das macht jedes Dylan-Konzert spannend. Wie man sich ohnehin seit Jahrzehnten immer fragt, in welcher Verfassung und welcher Stimmung die Pop-Ikone gerade ist. Zu oft hat sich Robert Zimmerman aus Hibbing (Minnesota) neu erfunden.

Das aktuelle Outfit, Stetson-Hüte und lange Mäntel, verweist auf die Country- und Western-Periode der Frühzeit. "Maggies Farm" stammt von Anno 1965, vier Jahre jünger ist der zweite Titel "Tonight I'll Be Staying Here With You", als Dylan auf "Nashville Skyline" den Knödelbarden mimte. Jetzt gibt er ein perfektes Bluesharp-Solo zum Besten, bevor er wieder zu den Keyboards zurückkehrt. Richtig, Keyboards: Der einstige Folk-Poet, der Generationen von Hobby-Klampfern inspirierte, hat der Gitarre entsagt und gibt sich jetzt als Mann am Klavier. An manchen Stellen hört man es sogar. Die musikalische Qualität wird dadurch nicht geschmälert.

Es ist genial und sagt viel über die Klasse der Songs aus, wie viele Titel mit der fünfköpfigen Verstärkung immer wieder auf der Bühne neu entstehen, ohne daß es über die Maßen nach Jam-Session klingt. Ausgesprochen rauh diesmal das "Watching The River Flow", während man "Lay, Lady, Lay" sofort am Intro erkennt. Man könnte sogar mitsingen, aber das hat der Meister seinen Jüngern mit eigenwilligen Interpretationen in den letzten Jahren abgewöhnt. Bei "Just Like A Women" tun sie es trotzdem, als Kontrapunkt zu Dylans unerwartetem Falsett. Schön ist sie nicht, die Stimme, aber faszinierend. Und wie immer in einem Dylan-Konzert blickt man in begeisterte Gesichter ebenso wie in eher ratlose Minen derjenigen, die vielleicht einen Nostalgie-Abend erwarteten - erstaunlich irgendwie, daß es solche Leute immer noch gibt.

"It's Alright, Ma (I'm Only Bleeding)" klingt wie ein Boogie Woogie Marke Canned Heat und läßt den einstigen Protestsänger zu altem Zorn zurückfinden. Plötzlich Lichtwechsel! Echo! Es ertönt ein unheimliches "Cold Irons Bound". Vom jüngsten Album "Love & Theft" stammen das flotte "Tweedle Dee & Tweedle Dum" sowie die für Dylan-Verhältnisse fast schon perfektionistisch arrangierte Swing-Nummer "Floater (Too Much To Ask)", bei dem Multiinstrumentalist Donny Herron mit der Geige hervorsticht. Bei "John Brown" greift er zum Banjo. Der wirkliche Höhepunkt der Show, dieses Lied vom Soldaten, dessen Mutter so stolz auf ihn ist, und der als Krüppel aus dem Krieg zurückkommt; verdammt eindringlich, weil verdammt aktuell. Der als krachende Rocknummer vorgetragene Protest-Klassiker "Masters of War" paßt hervorragend dazu, abgerundet von "Highway 61", ebenfalls in Boogie-Form.

"Like A Rolling Stone" ist die erste Zugabe, die Hymne aller Heimatlosen und Unverstandenen, die kürzlich zum besten Popsong aller Zeiten gekürt wurde. Dylan ist der beste Popsänger aller Zeiten - denkt sich zumindest der Fan. Alle anderen haben eh keine Ahnung. Und man ist jetzt schon traurig, daß man den restlichen sechs Dylan-Audienzen in Deutschland nicht beiwohnen kann. Was er da wohl spielen wird?


Bob Dylan in Berlin 2005 - Bootlegcover