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Dylan in Berlin 2002 - Bootlegcover


Berlin 2002
Berliner Zeitung
von
Frank Junghänel


Und der Wind beginnt zu heulen
Bob Dylan hat in der Arena sein bisher bestes Berliner Konzert gespielt

In der nächsten Woche startet der Volkswagenkonzern die 
Werbekampagne für sein neues Auto mit dem fabulösen Namen
 Phaeton. Die in Handarbeit fabrizierte Limousine mit hohem 
Wurzelholzanteil am Armaturenbrett ist in einem Preissegment angesiedelt, 
für das sich die Typisierung mit dem Label Volkswagen 
selbstverständlich verbietet. Das Volk wird diesem Wagen 
nachsehen. Die Zeiten haben sich geändert. Darf man den Informationen 
aus dem Internet glauben, wird auf der Anzeigenseite, die der Wolfsburger
Hersteller verbreiten lässt, ein Musiker mit umgehängter Bassgitarre zu
erkennen sein, darunter die Zeile "Ist das nur ein Musiker?" Gekontert 
wird dessen Porträt mit einem Abbild des Autos und der Frage "Ist das 
nur ein Automobil?"

Die Frage nach den außerautomobilen Qualitäten des Fahrzeugs lässt 
sich noch nicht beantworten; der Musiker seinerseits hat am Donnerstag
vorgeführt, dass er eben nicht bloß als Legendenspender, heiliger 
Geist der Rock-Feuilletons und luxuriöse Werbefigur etwas hermacht, 
sondern zuerst und möglicherweise auch zuletzt als Musiker. Bob Dylan 
ist nur ein Musiker; wenn man ihn genau nimmt. Alles, was in ihn 
hineingedichtet wird, erzählt mehr über die Hineindichter als über Dylan.

Wer Bob Dylan nicht zum ersten Mal auf der Bühne sieht, wird in ihm 
und in seiner Musik immer auch sich selbst erkennen; weil einen nicht 
nur Songs, sondern auch Konzerte ein Leben lang begleiten können, 
wohl oder übel. Man glaubt es gar nicht, was für Geschichten zu hören 
sind. Früher haben sich alte Männer bei Gelegenheit Anekdoten aus 
dem Krieg erzählt, heute reden sie darüber, was Dylan 1984 in der 
Waldbühne gespielt hat. Es sind diesmal aber nicht nur die ins Feld 
gezogen, die immer kommen, vor allem also Männer in der mutmaßlich 
zweiten Hälfte ihres Lebens. Das sichtbare Alter des Publikums reicht 
von Mitte Fünfzig bis Mitte Zwanzig. Auch ganz junge Menschen sind 
dabei, aus pädagogischen Gründen vielleicht. Die Arena ist an diesem 
Abend mit achttausend Zuschauern ausverkauft. Plötzlich und unerwartet 
muss man sagen, denn auf einmal waren die Karten weg. Als hätten 
die Leute geahnt, dass sie etwas erleben können, was sie bei Bob 
Dylan in Berlin so noch nicht erlebt haben: Ein inspiriertes und gut 
gelauntes Rockkonzert von mehr als zweieinhalb Stunden Dauer. Bob 
Dylan ist immer auf Tournee, er spielt hundert Konzerte im Jahr, gastiert
regelmäßig in Berlin, früher stand es schlimm mit ihm, in letzter Zeit 
bediente er solide, vor zwei Jahren war er gut, diesmal sensationell.

Schon beim ersten Song, dem Traditional I Am The Man, Thomas 
kündigt sich das Wunderbare an, Bob Dylans Stimme klingt so 
abgrundtief und dabei so laut und kräftig wie noch nie gehört. Auf 
Knien gedankt sei den Tontechnikern, die es geschafft haben, die 
immer problematische Arena exzellent zu beschallen. Über Dylans 
Stimme, die ja alles andere als eine Gesangsstimme ist, wurde viel 
geschrieben. Viel dummes auch, von Tuberkulosehaltigkeit und so. 
Schon immer, aber nun ganz besonders, setzt Dylan seine Stimme wie 
ein Instrument ein. Er dehnt und zerfasert Textzeilen, die dann noch
unverständlicher werden, als sie eh schon sind, er presst Strophen in ein 
Wort, er holt Luft, wann es ihm passt. Manchmal holt er auch keine Luft 
und rappt, bis er im Gesicht blau anläuft. Er singt Freestyle, aber nie ohne 
Stil und Verstand. Das totgedudelte The Times They Are A-Changing 
möchte man eigentlich von niemandem gern gesungen hören, in Dylans
persönlicher Interpretation überlebt dieses Lied alle Zeiten.

Die Songauswahl ist bei Dylan eine Sache für sich. In den bislang 
fünf Konzerten dieser Europa-Tournee hat er um die fünfzig 
verschiedene Titel gespielt. Spezialisten betrachten die Setlists der 
vorhergehenden Abende wie Speisekarten aus dem Ritz. Sie würden bei 
ihrem Ober am liebsten das noch nie Gehörte bestellen, aber so geht 
das nicht. Es bleibt beim Vertrauten, die sechziger Jahre und das neue 
Album "Love and Theft" bestimmen das Programm. Delikatessen gibt 
es nicht zu goutieren, sieht man von Solid Rock ab, das auf der nahezu grauenhaften LP Saved aus Dylans christlicher Phase zu finden ist und 
seit zwanzig Jahren Gott sei Dank nicht mehr zu hören war.

Auf einmal, und das ist eben das Phänomenale an Dylans Deutung 
seines Werkes, spielt er dieses öde Stück als entspannten Shuffle und 
leitet damit zum elektrifizierten Teil über. Jetzt bekommt die Band, 
die sich im akustischen Abschnitt immer etwas zu entfernen scheint, 
einen Stoß ins Kreuz. Das ist ein herrliches Bild, wenn sich Tony 
Garnier am Bass, stets als Totengräber gekleidet, sowie die 
Gitarristen Larry Campell und Charlie Sexton mit dem neuen Schlagzeuger
George Receli und ihrem Anführer Dylan zu einer Rock’n’Roll-Band
zusammenfinden, die spielt, als hätten sich die Zeiten nie geändert.

Summer Days vom neuen Album klingt schon auf der Platte, als wäre 
zirka 1955 die Uhr stehen geblieben, live gerät die Band in Berlin 
außer Rand und Band. Im Mittelteil der Rockabilly-Nummer steigern 
sich die fünf in ein Instrumental hinein, aus dem es vor allem für 
Sexton an der Melodiegitarre kein Entrinnen gibt. Seine Begleiter 
treiben ihn von einem Solo ins nächste und lachen sich noch eins 
dabei. Die Leute im Saal können ihr Glück kaum fassen. Dylan 
spielt mit fast einundsechzig Jahren wie ein Sechzehnjähriger. 
Wahrscheinlich kam er sich als Sechzehnjähriger wie ein Alter vor, 
der von allem schon alles weiß. So ist das manchmal im Leben.

All Along The Watchtower gewinnt in dieser Nacht einen 
seltsamen Groove, den man nicht beschreiben, nur fühlen kann. Wie 
oft ist dieser an sich schlichte und doch rätselhafte Song schon 
aufgemöbelt worden, von Jimi Hendrix natürlich, aber auch von Dylan 
selbst. Nie scheint der Erfinder der Essenz seines Liedes, dieser Angst 
vor dem Unbegreifbaren, so nahe gekommen zu sein.
"And-the-wind-began-to-houuuuwwl" jault er und man möchte, dass 
das für alle Ewigkeit so weitergeht.

Bob Dylan rockt wie nie, er geht in die Knie, um ein Haar hätte er 
den Entengang seines Altvorderen Chuck Berry probiert, bei der 
letzten Zugabe Highway 61 spielen die Gitarristen an der 
Bühnenkante wie ZZ Top, er bläst die Mundharmonika, wie es uns 
gefällt. Er ist ja auch ein Showman, sein Oscar steht hinter ihm auf einer Verstärkerbox. Dylan schafft es sogar, den verkitschten 
Lagerfeuerhymnen Knockin’ On Heaven’s Door und 
Blowing In The Wind jede Heulsusigkeit auszutreiben. Mal liegt 
ein Gitarrenmotiv quer, mal konterkariert ein Chor die Vokallinie. 
Da lässt sich nichts mitsingen, es gehört sich auch nicht.

"Mit das Schlimmste im Leben ist, dass man fast nie sagen kann, 
wann etwas zum letzten Mal geschieht oder wann etwas, das uns 
begeistert, zu Ende geht", hat der spanische Schriftsteller Javier 
Marias vor ein paar Jahren geschrieben und dabei vermutlich nicht 
in erster Linie an Bob Dylan gedacht.


Dylan in Berlin 2002 - Bootlegcover