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Bob Dylan in Berlin 2003 - Bootlegcover


Berlin 2002
Tagesspiegel
von
Rüdiger Schaper


Spiel mir das Lied vom Wind
Das scheue Genie altert lächelnd: 
Bob Dylans großes Berlin-Konzert in der Arena


Draußen in Treptow, in den Wassern der Spree, steht der 
"Molecule Man",  Jonathan Borofskys turmhohe, tonnenschwere und 
mit ihren Perforationen doch so leicht dahin schwebende Metallskulptur.
Ein Sinnbild für Bob Dylan, unseren ewigen Bob, der um die Ecke, in 
der Arena, ein großes Konzert gespielt hat - beeindruckender noch als 
der Auftritt am selben Ort vor zwei Jahren.

Auf der nach unten offenen Dylan-Skala (man hat mit ihm schon
einiges durchgemacht) steht der Berlin-Auftritt vom Donnerstag 
ganz weit oben. So locker, so entspannt, so gut gelaunt und abgeklärt, 
ja heiter haben wir ihn wohl noch nie erlebt. Und das Publikum in 
der ausverkauften Arena war jünger und weiblicher (!) als sonst. Man 
möchte einen ganzen Wald von Ausrufezeichen hinter diesen Abend
setzen. Bob tanzt, Bob lächelt, Bob schenkt den tobenden Fans - eine 
Seltenheit - eine zweite Zugabe, Highway 61 Revisited, geschliffen hart

Der Beginn folgt dem Ritual der never ending tour: Nach einem 
akustischen Gospel (I Am The Man, Thomas) heißt es gleich 
The Times They Are A-changing. Und It's Alright, Ma. Man ahnt 
bald, es wird ein Konzert für Gläubige und für ungläubige Thomasse. 
Dylan legt den Finger in die Wunden des Lebens, und siehe da, es gibt 
Schlimmeres als das Altwerden in der Rockmusik. All die legendären 
Songs aus Dylans Bundeslade sind im Grunde vertonte Niederlagen, 
die er frisch intoniert und in kleine Siege verwandelt. Ein Innehalten hier, 
ein wissendes Zögern da - Dylan zitiert, ironisiert, übermalt sein
unerschöpfliches Material, zieht die Versenden fragend nach oben, einem Wünschelrutengänger in der Wüste gleich.

Aus dem Fundus seiner zarten Liebesballaden holt er verträumt 
flüsternd Boots Of Spanish Leather und, eine Konzert-Rarität, 
Visions Of Johanna. Dylans Band mit den Gitarristen Larry 
Campbell und Carlie Sexton und dem Bassisten Tony Garnier, 
seit zig Jahren beisammen, zupft die Saiten ebenso animiert wie 
routiniert. Der neue Schlagzeuger George Receli, ein richtiger 
Shit-Kicker, weckt Erinnerungen an die kraftvollen Drums der 
Desire-Zeiten. Was das Quintett aus einem alten surrealen 
Heuler wie All Along The Watchtower an Energie herausholt, 
lässt weit blicken.

Im vergangenen Jahr wurde Dylan sechzig, und es scheint, als 
habe das scheue Genie all die Ehrungen und Preise herzlich genossen. 
Moonlight und Summer Days von der Love And Theft-CD 
zeigen den alten Griesgram als swingenden, nicht enden wollenden 
Rockabilly, dem auch ein gemeiner Lonesome Day Blues 
nicht den eleganten Cowboy-Hut vom grauen Lockenkopf haut. 
Wie vor Urzeiten, als Bob Dylan und The Band mit Robbie Robertson 
sich in den Keller des Landhauses von Big Pink einschlossen, um die 
Wurzeln der amerikanischen Country-, Folk- und Outlaw-Musik 
anzugraben. Dylans melodische Harmonika-Intros atmen eine 
fast spirituelle Traditionalität.

Aus der Abteilung der Frauen-Hass-Lieder hören wir das 
lustige Leopard-Skin Pill-Box Hat, aber der schrille 
Sarkasmus hat sich abgewaschen. "Like A Rolling Stone" - 
immer wieder der beliebteste Dylan-Oldie - bringt ein leicht
verfremdetes Wiederhören mit messerscharfen, bohrenden 
E-Gitarren, als wären die Grateful Dead auferstanden. Wenn man was 
zu meckern haben will: Die kiss-my-ass-Dandy-Pose früherer 
Epochen, das Schnarren und Hochnäseln ist passé. Dylan hat sich
in den tausend Konzerten seiner Alters-Tour vom 
Verstellungszwang und der Manie, sich zu verstecken, freigespielt. 
Was ging verloren, blieb auf der Strecke? Jener morbider Schrecken, 
jene aggressive Untröstlichkeit, die Alben wie "Blood On The Tracks" 
unwiderstehlich prägten. Da waren wir jünger, unglücklicher.

Dylan, unsere innere Uhrzeit, ändert sich, und wir ändern uns 
mit ihm. Die Krisen kommen schon noch wieder. Don't think twice, 
it's alright; auch das hat im April 2002 eine weiche, endgültig 
versöhnliche Note. Die Sache mit dem Protestsänger war schon in den 
Sechzigern irgendwie ein Missverständnis. Wenn er heute die 
"Masters Of War" anklagt, dann hat es doch einen schalen 
Geschmack von Gestrigkeit und Vergänglichkeit. Angst vor 
"Blowin' In The Wind", dem Methusalem der Lagerfeuer-
Konfirmandenfreizeit-Klampfe? Unnötig: Sie spielen 
es so fein und klassisch wie einen 
Volkslied-Standard. So war's ja auch. Das Lied vom Wind klaubte 
sich der junge Bob aus Überlieferungen einst zusammen.

Wenn der Tod Ausgang und Ende allen Kunstgesangs ist, muss 
einem nicht bange sein. Die baumlangen Sexton und Campbell 
flankieren den zierlichen Herren mit dem gelben Halstuch beim 
Finale, raunen letzte Atemzüge ins Mikro - uuhuu, uuuhuuuu -, 
und dabei laufen im Kopf unsere kleinen Lebensfilmchen ab. 
Knockin' On Heaven's Door, und Dylan setzt nach: like so many
times before. - Encore, encore! 


Bob Dylan in Berlin 2003 - Bootlegcover