n.B.u
BERLIN 
REVIEWS

n.B.u
BERLIN 
REVIEWS


Dylan in Berlin 2002 - Bootlegcover


Berlin 2002
Berliner
Morgenpost
von
Uwe Sauerwein


Kennst Du den Text
Bar aller Nostalgie: Die ausverkaufte Treptower Arena erlebte den 
vielseitigsten Bob Dylan, den es je gegeben hat

Es war eigentlich so wie beim letzten Mal - nur noch besser. Hatte
sich die Dylan-Gemeinde vor zwei Jahren über die Lockerheit und 
die Spiellaune gewundert, mit welcher der sonst so grimmig wirkende Jahrhundertkünstler in der Treptower Arena einheizte, so kommt 
jetzt, an gleicher Stelle, ein Hang zur Perfektion hinzu, den man 
bei Bob Dylan nicht für möglich hielt. Mit seiner Never Ending 
World Tour», die er seit 1988 mit fast der gleichen 
Band zelebriert, scheint der Folkrocker, der über Jahrzehnte an 
seiner eigenen Legende feilte, um sie stets kurz darauf zu zerstören, 
bei so etwas wie Glückseligkeit angekommen zu sein.

Wer so oft wie Mr. Robert Allen Zimmerman seine Fans vor den 
Kopf stieß, der kann sich irgendwann alles erlauben, ohne, wie 
früher so oft, wütende Proteste zu ernten. Der Auftritt im 
ausverkauften Straßenbahndepot gerät deshalb zum großen 
Querschnitt durchs Dylan-Oeuvre und zugleich zu einer Reise 
durch die nordamerikanische Musik. Dylan, wieder gewandet im 
Western-Look inklusive schwarzem Hut, spielt, was ihm Spaß 
macht. Das müssen nicht unbedingt Eigenkompositionen sein. 
Schon die erste Nummer I Am The Man, Thomas ist von den 
Stanley Brothers gecovert. Dann bereits kommen die Protestsongs 
von einst, begleitet von akustischen Gitarren, Mandoline, Kontrabass 
und dezentem Schlagzeug. Diejenigen im Publikum, die Songs
wie The Times They Are A-Changing in ihrer Jugend am 
Lagerfeuer klampften, fühlen sich zum kollektiven Ratespiel
animiert. Nicht «Erkennen Sie die Melodie?», weil selbige vom 
Meister ständig neu erfunden wird, sondern «Erkennst Du den Text?»

Nichts scheut Dylan so sehr, als dass die Halle seine Lieder 
mitsingen könnte. Manch einer versucht es dennoch. Wie seit 
Jahrzehnten wird die Zeile in It's Allright Ma, I'm Only Bleeding, 
wo selbst der US-Präsident eines Tages nackt dastehen wird, 
lautstark bejubelt. Das uralte Master of War, nie schien es so 
aktuell zu klingen. Liebesliedern wie Don't Think Twice, 
It's All Right 
verleiht der 60-Jährige einen völlig neuen Charakter
und erzeugt, bar aller Nostalgie, eine Gänsehaut.

Die Zeiten, wo man manche Songs auf der Bühne probte, sind 
schon wieder Geschichte. Wie grandios das Quintett eingespielt ist, 
merkt man auch bei rockigen Titeln wie Love Sick, dem 
mystischen Reggae, oder, vom aktuellen Album Love and Theft
die heiße Rockabilly-Nummer Summer Days, die die Gemeinde 
heftig in Bewegung bringt. Abtanzen bei Dylan, wann gab es das? 
Nach zwei Stunden und sechs Zugaben, darunter 
Blowing In The Wind und Knocking On Heavens Door,
verabschiedet die lebende Legende die Anhängerschaft auf den 
bluesigen Highway 61. Dass der Heimweg über die Schlesische 
Straße führt, merkt man kaum.


Dylan in Berlin 2002 - Bootlegcover