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Bob Dylan in Berlin 2000


Berlin  2000
Berliner Zeitung
Frank
Junghänel

Nichts hat nichts zu bedeuten

Bob Dylan ist in Berlin aufgetreten. Experten und
Laien waren glücklich, obwohl der Sänger ein Mysterium blieb

Es gibt Menschen, die sammeln alte Bügeleisen, und es gibt Menschen, die sammeln Livesongs von Bob Dylan. Für das eine wie das andere Phänomen gibt es keine vernünftige Erklärung. Im Sinnlosen wohnt zuweilen das größte Glück. Der Bob-Sammler kann sich nach dem Gastspiel des Künstlers am Dienstag in der Treptower Arena einige schöne Stücke in den Schrein der Erinnerung stellen. 
Somebody Touched Me, Drifter's Escape, Things Have Changed  

und weitere Songs waren in Berlin bislang nicht zu hören. Das 
Repertoire des Abends dürfte die Passionierten und die Laien im 
Publikum gleichermaßen befriedigt haben. 

Man kann das Auditorium einer Dylan-Vorstellung grundsätzlich in 
zwei Gruppen einteilen. Zum einen sind da die Gelegenheitshörer, 
welche bei  Forever Young selig mit dem Kopf wackeln, und zum anderen gibt es die Experten. Zu erkennen ist der Experte daran, dass 
er seine Dylan -Shirts aus dem vergangenen Jahrhundert aufträgt und 
mit diesem Ich-erkenne-jeden-Song-nach-dem-ersten-Takt-Blick
herumläuft. Das ist natürlich eine große Sache, weil nicht
einmal die Musiker aus Dylans Band dessen Songs nach den ersten 
Takten erkennen. Es ist immer wieder erheiternd zu sehen, wie sich die 
Gitarristen Larry Campell und Charlie Sexton zu Beginn eines Titels mit 
großen Augen dem Bassisten Tony Garnier zuwenden, um ein Zeichen zu
 bekommen, was sie jetzt eigentlich spielen sollen. Die Band rumpelt sich 
dann so langsam ein und meistens finden später alle wunderbar zueinander. 

Rollende Revue 
Mit ihren 4 000 Zuschauern war die Arena bei weitem nicht
ausverkauft. Seit seinem Auftritt vor zwei Jahren in der Waldbühne 
hat Bob Dylan etwa die Hälfte seines damaligen Publikums 
eingebüßt. Das klingt dramatisch, macht aber gar nichts, weil ihm die 
kleineren Hallen sowieso viel besser liegen. Die alte Garage in Treptow
bot das richtige Ambiente für seine rollende Revue. Etwas von einem 
Wanderzirkus hat diese Veranstaltung zweifellos. Dylan ist 
Zeremonienmeister, Raubkatze und Clown in einem. 

In jüngster Zeit wird von Beobachtern stets sehr aufmerksam registriert, 
welchen Bühnenanzug Dylan trägt. Möglicherweise hat ja auch seine 
jeweilige Kostümierung etwas zu bedeuten. Bei Dylan hat nichts nichts 
zu bedeuten. Diesmal trägt er einen weißen Anzug mit schwarzer 
Schleife unter dem Kinn. Er ist dünn geworden und ähnelt in der Silhouette
beinahe wieder dem jungen Mann von 1966, den man von den Fotos aus 
der Royal Albert Hall kennt, als er seine elektrische Gitarre am kurzen 
Gurt wie eine Waffe im Anschlag gehalten hat. Die krausen Haare sind 
grau, nur selten huscht ein Lächeln über sein Gesicht, als hätte es 
sich dahin verirrt. Die Rätselhaftigkeit der Dylan' schen Existenz wird 
von der Tatsache bestimmt, dass sich kein Mensch erklären kann, 
warum er tut, was er tut. Warum um alles in der Welt spielt Dylan seit 
einiger Zeit immer wieder The Times They Are A - Changing, obwohl er sich den Text nicht merken kann. Jeder zweite Zuschauer würde ihm 
liebend gern die fehlenden Zeilen soufflieren. In solchen Momenten 
stockt einem der Atem und man denkt, gleich ist Schluss, das schafft er 
nicht mehr. Dylan wirkt abwesend, putzt sich die Nase, nestelt dauernd 
an seinem Gitarrengurt herum und kratzt sich am Kopf. So wie sich eine 
Katze am Kopf kratzt, wenn sie in Verlegenheit gerät. Dann folgt 
Tomorrow Is A Long Time  und aller Zweifel verfliegt. Die alte Katze 
hat die Maus gefangen. In diesem Moment möchte sich das Publikum seinem Dylan unbedingt hingeben. Aber dieser flieht die Umarmung und bringt als ersten elektrischen Song das verflixte Gotta Serve Somebody aus seiner religiösen Periode. 

In dem Film "Being John Malkovich" bekommen Interessenten für 
ein geringes Entgelt die Chance, für zehn Minuten in den Körper des 
Schauspielers John Malkovich zu schlüpfen. Being Bob Dylan wäre 
auch nicht schlecht. Man wüsste zu gerne, was sich der 
Unterhaltungskünstler dabei denkt, wenn er unerwartet Rockerposen 
zitiert. Die eingeknickten Knie, der kleine Tanz, die Nummer mit der
 Schieß-Gitarre, jede Geste wird nur kurz angerissen und verschwindet 
sofort wieder im Zitaten-Fundus. Manchmal wirken seine Bewegungen
 gespensterhaft und ferngelenkt, wie letzte Zuckungen einer Marionette 
auf einer Bühne, die längst abgeräumt ist. Das Spiel scheint sehr ernst 
zu sein, aber es ist alles auch ein großes Theater. 

Wille zur Werktreue 
Dylans Lust an der Werkzerstörung hat sich in einen festen Willen zur
Werktreue verwandelt. Dieser Tage spielt er gern vom Blatt. 
Not Dark Yet und Love Sick klingen viel intensiver als auf dem Album. Düster, krank, bitter, mit aasigem Grinsen im Gesicht erzählt er seine Geschichten, in denen es immer um die letzten Dinge geht. Lebend 
kommt hier keiner raus. Jedenfalls nicht, bevor das Licht angeht. Nach sieben Zugaben und einer grandiosen Fassung der totgedudelten Kiffer-Hymne Rainy Day Woman tänzelt Dylan hüftsteif davon. In 
seiner Zerbrechlichkeit erinnert er einen irgendwie an Harald Juhnke. 

Man fürchtet: Gleich fällt er um. 


Bob Dylan in Berlin 2000