n.B.u
BERLIN 
REVIEWS

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Bob Dylan in Berlin 2000


Berlin  2000
Berliner
Morgenpost
Peter E. Müller

Legende auf Reisen

In seinem schnieken Südstaatler - Anzug mit schwarzer Schleife wirkt
er geradewegs einem Margaret - Mitchell - Roman entsprungen. Ein lebenserfahrender Plantagenbesitzer, auf dessen Feldern nicht Baumwolle, sondern Liedgut gedeiht; Songs, die die Popwelt der letzten 40 Jahre bewegt haben, und die immer noch bewegen. 

Als Bob Dylan kurz nach acht mit seiner Band die Bühne der dicht gefüllten Arena betritt, bricht ein Sturm des Jubels los. Glory, Glory, Glory, Glory keucht er ins Mikrophon. Es ist der tradionelle Gospelsong Somebody Touched Me, den er an den Anfang seiner Berliner Show gestellt hat, die in knapp zwei Stunden das Lebenswerk einer Legende gerade mal streifen kann.

Selten hat man den knurrigen Entertainer, der uns Songs beschert hat, die längst zu geflügelten Worten geworden sind, in solch formidabler 
Spiellaune erlebt wie hier. The Times They Are A - Changin´ gleich 
das zweite Stück dieses Abends, ist solch ein viel - zitierter 
Geniestreich. Doch Dylan entzieht sich wie gewohnt der profanen 
Vereinnahmung. So, wie er die Textzeilen artikuliert, dehnt, verzögert 
und immer wieder neu erfindet, torpediert er von vornherein vorsätzlich
jedes gesellige Mitsing - Ritual. Man spielt anfangs ausschließlich auf 
akustischen Instrumenten, und das bei bestens ausgesteuertem Sound. 
Es geht also, selbst in der eher als klangfeindlich berüchtigten Arena. 
Mit It´ s Allright Ma ( I´m Only Bleeding), Love Minus Zero/No Limit
und einem furiosen Tangled Up In Blue kommt die Musikertruppe in Fahrt. Immer öfter lockern sich die hängenden Mundwinkel, immer wieder huscht ein Lächeln über Dylans gegerbtes Gesicht. 

Er hat sichtlich Spaß da oben, vielleicht auch, weil er das Repertoire im Verlauf dieser 1988 (!) begonnenen Never Ending Tour gerade wieder 
ordentlich durcheinandergewirbelt hat. Er kann aus dem Vollen 
schöpfen. Und er tut es. Immer wieder wechselt er Songs aus. Mit der 
wohltuend schlichten Ballade Tomorrow  Is A Long Time bereits in 
den frühen sechziger Jahren entstanden, nehmen Dylan und seine Crew 
sozusagen Anlauf in die rockige Abteilung des Abends, die mit
Gotta Serve Somebody gleich mächtig in Fahrt kommt. Es geht 
treibend blues - rockig zur Sache. Jetzt sprechen die Gitarren.  
Seine versierten Mitstreiter wissen, dass sie bei diesem Spiel nur 
Begleitfunktion haben. 

Gitarrist Larry Campbell, Bassist Tony Garnier, Schlagzeuger David Kemper und der vor einem Jahr neu hinzugekommene texanische Rockgitarrist Charlie Sexton zimmern das massive Gerüst, das ganz allein als Thron für His Bobness dient. Er ist der Mittelpunkt, der Prediger, der Folksänger, der Gaukler, der Master of Ceremonies, die Rock-Röhre, der Entertainer. Dabei hat er seine solistischen Fähigkeiten seit dem letzten Berlin - Abstecher vor zwei Jahren hörbar verfeinert, nur noch selten kommen ihm schräge Töne unter die Fingerkuppen. Things Have Changed erklingt, der erste und bisher einzige neue Dylan - Song des Jahres 2000, entstanden für den Filmsoundtrack zu "Wonderboys"  mit Michael Douglas, gefolgt vom Klassiker All Along The Watchtower  bei dem auch mal die Kollegen Campbell und Sexton verschärft in die Saiten greifen dürfen. Das atmosphärisch - düstere Not Dark Yet vom Grammy - gekrönten letzten Album Time Out Of Mind  leitet über zu
Drifter´ s Dream, bevor mit einer knochenharten Version von
Leopard - Skin - Box - Hat bereits das Finale eingerockt wird. 

70 Minuten und das war´ s ? Von wegen. Der Zugabenblock währt satte 
dreiviertel Stunde und offeriert Ohrwurm auf Ohrwurm:
Love Sick, Like A Rolling Stone, Forever Young 
Maggie´s Farm Don´t Think Twice, It´s All Right, 
Rainy Day Woman #12# 


und, ja tatsächlich, als Rausschmeißer wird das nicht tot zu kriegende
Blowing In The Wind mehrstimmig in den Saal geschmelzt. Noch zwei Stunden länger, und man hätte Happy Birthday Richtung Bühne zurücksingen können. 

Um Mitternacht feierte Bob Dylan seinen 59. Geburtstag.


Bob Dylan in Berlin 2000