n.B.u
BERLIN 
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Dylan in der Waldbühne / Berlin 1998


Berlin 1998
Tagesspiegel
von
Harald
Martenstein


Biermann mal ganz anders
"Wenn jemand ein ernsthafter Musiker ist, dann hört keiner hin"
Bob Dylan in der Waldbühne

Die Waldbühne ist halb voll. Bob Dylan, der gerade eine betont pessimistische CD produziert hat, würde wahrscheinlich sagen: Die Waldbühne ist halb leer. Eine erstaunliche Tatsache, denn Dylan hat eine Menge Hits geschrieben. Unabhängig davon gilt er als einer der bedeutendsten amerikanischen Künstler der Gegenwart und als eine der einflussreichsten Pop-Gestalten des Jahrhunderts. Karten für ein Dylan-Konzert kosten trotzdem nur ein Drittel dessen, was eine Karte für die Rolling Stones kostet. In einem seiner neueren Interviews hat Bob Dylan gesagt: "Die Popmusik ist heute im gleichen Zustand wie zu der Zeit, als ich anfing. Wenn jemand ein ernsthafter Musiker ist, dann hört keiner hin." 

1966 starb Bob Dylan seinen ersten Tod. Ein Motorradunfall. Er war damals 25 Jahre alt, und er hatte bereits viele seiner berühmtesten Songs komponiert. The Times, they are a - changing zum Beispiel, oder Blowin' in the wind. Er wäre, falls er den Unfall nicht überlebt hätte, zum James Dean der Popmusik geworden. Ja, Dylan war ein Idol, aber er hat seitdem alles getan, um aus dieser Rolle wieder herauszukommen. Er wollte ein Musiker sein, nichts weiter. Heute verschwindet er beinahe hinter seinen Vorbildern - den Hobos, den amerikanischen Vagabunden, die im Land umherfahren und zur Gitarre Lieder erzählen. Seit Jahren gibt Dylan unermüdlich und unspektakulär Konzerte, etwa hundert im Jahr. Er nähert sich seinem 60.Geburtstag. Vor einiger Zeit wäre er zum zweiten Mal beinahe gestorben, eine Herzkrankheit. Seitdem wirkt er, falls das überhaupt möglich ist, noch gelassener und abgeklärter. In seiner neuen CD Time out of Mind singt er: 

I' ve got new eyes.
Everything looks far away. 


Dylan betritt die Waldbühne im schwarzen Western-Anzug, mit einem hellen Cowboyhut. Er sagt nicht Guten Tag, er sagt am Ende auch nicht Tschüs, statt dessen putzt er sich erst einmal ausgiebig die Nase. Jeder Dylan-Fan weiß, dass jedes Dylan-Konzert anders ist. Er spielt die Songs, nach denen ihm gerade der Sinn steht, und es kann auch schrecklich werden. Direkt vor der Bühne versammeln sich die Treuesten der Treuen, meistens sind sie um die fünfzig. Bei manchen Männern dieser Generation liegt immer Dylan auf, so, wie es bei manchen Frauen um die achtzig immer nach Katze riecht. Einer, ein Rechtsanwalt, erzählt, daß er Dylan auf seiner Tournee folgt. Leipzig, Berlin, Rostock, dann weiter nach Kopenhagen. Seine Kanzlei hat er für ein paar Tage geschlossen. "Das wollte ich mit zwanzig immer machen, aber da hatte ich die Kohle nicht.
Mensch, wozu arbeite ich überhaupt, wenn nicht für sowas?" 

Die Rolling Stones bemühen sich darum, dass ihre Songs live genauso klingen wie auf der Platte, selbst im Olympiastadion. Das gelingt ihnen auch, und zwar so gut, dass es immer wieder Gerüchte über den Einsatz von Playback gibt. Bob Dylans Ehrgeiz ist dem Ehrgeiz der Rolling Stones genau entgegengesetzt. Dylan hasst den Wiedererkennungseffekt. Dylan will, dass seine Lieder auf der Bühne immer wieder neu klingen, immer wieder anders. Manchmal wirkt es im Konzert so, als stürze er sich wütend auf seine alten Hits - wie ein Autor, der zornig ein Blatt aus der Schreibmaschine herausreißt, es zerknüllt und wegwirft. Er hat das in Forever young beschrieben. Du bleibst jung, wenn du immer wieder den Mut zu neuen Irrtümern hast. Auf keinen Fall darfst du dich ausruhen. 

Vielleicht ist, all die Jahre, der Dichter Bob Dylan überschätzt und der Musiker Bob Dylan unterschätzt worden. Dass sich ein amerikanischer Musiker an Rimbaud, an Villon und Brecht orientierte, galt als ungewöhnlich. Dafür bekam er in den Feuilletons Kredit. Aber es regnet und es stürmt doch recht oft in seinen Texten, recht oft funkeln die Augen wie Edelsteine, oder ein mysteriöser Fremder kommt in die Stadt. Dylan ist vor Klischees nicht sicher. Aber der Rhythmus seiner Sprache stimmt immer. 

In seinen jüngsten Interviews hat er erklärt, dass Rock' n' Roll ihn nicht mehr interessiert. Dylan sagt viel, wenn der Tag lang ist. Folglich knallt er dem Berliner Publikum eine Serie mittelbekannter Songs aus seiner mittleren Schaffensperiode in harter Rock -Version vor den Latz. Eine kleine Band, vierköpfig, klassisch besetzt: zwei Gitarren, Schlagzeug, Keyboards. Es klingt nicht gut, aber hart. Nach einer knappen halben Stunde wird der Elektro-Kram weggeräumt, Dylan greift zur akustischen
Gitarre und singt The Times they are a - changin´ . Diese Hymne einer Generation hat er kürzlich zur Verwendung in einem Werbespot an eine Bank verkauft. Er bringt sie ironisch, beinahe zynisch. Dylan trägt das Pathos so dick auf, dass es lächerlich wirkt: Dieses Lied gehört jetzt anderen. Danach das Liebeslied If not for you und, überraschend, Masters of War. Das Antikriegslied. Bob Dylan bringt Masters of War völlig anders als The Times they are a-changing. Ernsthaft. Wütend. Mit Nachdruck. In seinen Interviews sagt Bob Dylan, dass er sich auch für Politik nicht mehr interessiert. 

Dylan hat alle Musiken durchprobiert, und fast alle Haltungen. Folk, Blues, Rock, Country, Gospel. Engagement, Zynismus, Christentum, Resignation. Kaum einem Musiker ist so oft Verrat und Ausverkauf vorgeworfen worden wie ihm. Aber heute, im Rückblick, erscheint Dylan als eine der wenigen Figuren, die im Popgeschäft sich selbst treu geblieben sind. Dylan war immer zu selbstbewußt, zu egozentrisch vielleicht, um auch nur das Geringste von sich selber wegzugeben, um eines Imagevorteils willen. Er folgt Launen, nicht Beratern. So hat er sein Geheimnis bewahrt. Von Wolf Biermann, seiner deutschen Entsprechung, unterscheidet ihn die Tatsache, dass er eitle Posen immer vermieden hat. 

Es ist aus der Mode gekommen, den alten Popstars ihr Alter vorzuwerfen. Man hat sich an den Gedanken gewöhnt, daß Bob Dylan und Mick Jagger auch noch mit 80 auf der Bühne stehen werden, wie vor ihnen Frank Sinatra. Und wie die Literatur, so kennt auch die Popmusik ergiebige und weniger ergiebige Generationen. Bei der letzten Verleihung der Grammys, also der Musik-Oscars, war es, als sei die Zeit stehen geblieben. The Winner is: John Fogerty, John Lee Hooker, Van Morrison, Bo Didley, Johnny Cash. Und Dylan, den ein 19jähriger Teenie-Star als "Bill Dylan" vorstellte. Zu den wenigen Jüngeren, die einen Grammy bekamen, gehörte Jakob Dylan, Bobs Sohn, mit seiner Band "Wallflowers". 

Am Ende spielt Dylan in der Waldbühne Highway 61, und, von der Band mit vielen Schnörkeln zärtlich verziert, Don't think twice, it's allright, ein Song, bei dem allein schon der Titel Musik ist. Er möchte sich nach gut einer Stunde von der Bühne stehlen, aber das geht nicht. Zu den Zugaben gehört Love Sick von der neuen CD, stürmisch begrüßt. Zum Schluß: Blowin' in the Wind. Nur 90 Minuten hat der Auftritt gedauert. Es war kein großes Konzert. Aber es war Bob Dylan. Der einzige Popmusiker, den jemals ein Papst um ein Ständchen gebeten hat. "Newsweek" will herausgefunden haben, welche Songs Johannes Paul II. sich von Bob Dylan wünschte. Es waren Knockin' on Heaven's Door und Forever young. Der Mann kennt sich aus. 


Dylan in der Waldbühne / Berlin 1998