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Dylan in der Waldbühne / Berlin 1998


Berlin 1998
Berliner
Zeitung
von
Frank Junghänel


Der Trübsinn des Chirurgen
Am Tag zuvor in Leipzig soll er gelacht und getanzt haben.

Wenn Bob Dylan auf der Bühne lächelt, ist das selbst der eher nüchternen Deutschen Presseagentur eine Meldung in liebevollen Worten wert. Freunde, die dabei waren, konnten von einem ausgelassenen Konzert berichten; die Leute hätten auf den Stühlen gestanden, geswingt und gesungen. Bob Dylan, dessen Tagesform für Konzertbesucher oft ein Risiko darstellt, hat in Leipzig gerockt wie verrückt. 

Entsprechend hochfliegend waren die Erwartungen für sein Gastspiel in Berlin, das aufgrund des ansprechenden kommerziellen Erfolges seines jüngsten Albums  Time Out Of  Mind in der Waldbühne veranstaltet wurde. Das Amphitheater war gut besucht, aber bei weitem nicht ausverkauft. In den letzten Jahren ist Dylan auf seiner unendlichen Tournee regelmäßig in Berlin vorbeigekommen. Das überschaubare Tempodrom im Tiergarten bot ihm für seine minimalistischen Shows die angemessene Kulisse. 

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit gleichen sich große Rockkonzerte gemeinhin wie ein Bon Jovi dem anderen. Wenn sich ein Musiker die Aura des Einmaligen bewahrt hat, so ist es Bob Dylan. In der Reduktion seiner Auftritte auf das Eigentliche, auf Musik und Text, liegt seine Kunst. Jeder Zirkus, jede demagogische Geste an das Publikum sind ihm fremd.

Er ist kein Mann der großen Arenen und keine Abspielstation für den Hitmix. Dylan ist ein lausiger Unterhalter, wenn es gilt, die Waldbühnen-Fraktion mit ihren Sitzkissen, Wunderkerzen und Picknickkörbchen in Verzückung zu versetzen. Wer Dylan wirklich erleben will, muss ihm während des Konzertes ins Gesicht sehen können. Wer ihm in der Waldbühne ins Gesicht gesehen hat, wußte vom ersten Moment an, daß Berlin nicht Leipzig ist. Des Künstlers Mienenspiel wies eine Tendenz zur Mürrigkeit auf, die ungute Ahnungen weckte. 

Dylan und seine Musiker erschienen pünktlich um halb acht auf der Bühne. Der Himmel war taghell. Keine Vorband, keine Musik vom Band, keine Einstimmung auf das Konzert konnte wenigstens ein bißchen für Spannung sorgen. Das Publikum war noch in Bratwurstlaune und emsig beschäftigt, seine Pfandbecher einzulösen, als es vom Konzertbeginn überrascht wurde. 

Da Fotografen beim Auftritt des 57jährigen Sängers nicht zugelassen waren, muss hier eine kurze Beschreibung der Szenerie genügen. Bob Dylan trug einen schwarzen Anzug mit kleinen Bommeln an den Hosenbeinen und dazu einen hellen Stetson auf dem Lockenkopf. Gitarrist Larry Campell erschien im schwarzen Frack, Bassist Tony Garnier im dunkelgrünen Anzug mit Cowboyhut. Und wie sie da so auf dem Podium standen, im Rauch der Räucherkerzen, boten die Männer an ihrem Arbeitsplatz den traurigen Anblick einer texanischen Beerdigungskapelle mit adäquatem Gesichtsausdruck. Bob Dylans Mundwinkel formten sehr deutlich das umgekehrte U. 

Die Band blickte verhalten optimistisch. Der erste Song des Abends war nicht dazu angetan, die allgemeine Laune aufzuhellen. Everything Is Broken eine düstere politische Bestandsaufnahme aus den späten 80ern, gab die Tonart des Konzertes vor. Wenn Leipzig den losgelassenen Bob erfahren durfte ein "Bobfest", wie es Neil Young einmal nannte so sollte es Berlin mit dem quälerischen Dylan zu tun bekommen. 

Die Auswahl der Songs seines Konzertes -  er wechselt täglich zwei Drittel des Programms komplett aus - bot kaum Überraschendes. Viele Stücke waren bereits beim letzten Mal in Berlin zu hören. Dank des Internets ist Bob Dylan auf seiner ewigen Tournee längst zum Global Player avanciert. Statistiker seines Gesamtwerkes können sich Tag für Tag detailliert über die Setlist des jeweiligen Auftritts informieren, ihre Schlüsse ziehen und Prognosen wagen. If You See Her, Say Hello 
ein sehr schönes trauriges Liebeslied vom 74er Meisterwerk 
Blood On The Tracks war bisher selten live zu hören. Dylan trug den akustischen Song in einer dezent elektrifizierten Fassung vor. Seine Band spielte sich in einen getragenen Country - Beat hinein, freilich ohne sich zu echauffieren. Bucky Baxter an der Pedal -Steel-Gitarre sorgte für angenehme Schwingungen. Ein kleines Schmuckstück im Repertoire, dem drei schwächliche Nummern folgten.Cold Irons Bound vom neuen Album konnte live die Herzen kaum erwärmen, Under The Red Sky  ist sowieso lahm, und Silvio nun schon seit einigen Jahren die musikalische Stütze für ausgedehnte Soli, verkam in seiner Berliner Fassung zur Pflichtübung. Im Laufe dieses Songs wurde das ganze Dilemma des Abends deutlich. Dylan war irgendwo zwischen Leipzig und Berlin die Lust an der elektrischen Gitarre abhanden gekommen. Zu seinem 50. Geburtstag, erzählte kürzlich der amerikanische Rock-Philosoph Greil Marcus, hatte sich Dylan vorgenommen, ein wirklich guter Lead - Gitarrist zu werden. Und er ist es geworden, wie bei diversen Konzerten zu hören war. Auf der Waldbühne versickerte Silvio nach einigen halbherzig genudelten Soli im Nirgendwo. Wenn dieser Song so etwas wie der Indikator für die Stiftung Dylan-Test ist, so lautete das Ergebnis dieser Show: befriedigend.

Aber wie das bei Dylan so sein kann: Kaum hat man ihn festgenagelt, springt er vom Kreuz. Im akustischen Teil war für Momente jene Erhabenheit zu spüren, nach der sich das Publikum sehnte. Die verjährte Protesthymne Masters Of War klang wider Erwarten intensiv und rauh, und bei Tangled Up In Blue blitzte gar so etwas wie Spielfreude zwischen Dylan und der Band auf. Sein verschmitztes Gesicht verriet Spaß an der Sache, seine Beine trauten sich diesen seltsam taumelnden Dylan - Dance, bei dem man nie genau weiß, ob er jetzt das Publikum veralbert oder gerade in Ekstase geraten will. Die Musiker lächelten sich hinter seinem Rücken zu.

So rasch dieser Aufschwung an Gefühl gekommen war, so rasch fiel er wieder in sich zusammen. Dylan hätte mit seinen Zuschauern leichtes Spiel gehabt, doch fast sah es so aus, als erschrecke ihn jede jubelnde Reaktion des Bratwurst-Publikums. Sein Blick wanderte immer öfter nach oben, an den Rand der Waldbühne, wo sich Leute ihr nächstes Bier holten. 
Don t Think Twice  und Love Sick klangen trotzdem wunderbar. Vor Jahren noch hätte Dylan ein Konzert in verhangener Stimmung völlig vermasselt. Heute ist er zu routinierter Vertragserfüllung in der Lage. Das kann man bedauern oder nicht. Nach exakt 90 Minuten war Schluss, zu früh für 70 Mark Eintritt. 

Kein Satz könnte die Atmosphäre dieses Konzertes besser charakterisieren als eine Bemerkung Norman Mailers über den Schauspiellehrer Lee Strasberg: "Er war wie ein Chirurg, dessen Trübsinn durch nichts zu zerstreuen ist, der seinen Schnitt macht, das Honorar kassiert und für kein Lob empfänglich ist." 


Dylan in der Waldbühne / Berlin 1998