n.B.u
BERLIN 
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Dylan in der Waldbühne / Berlin 1998


Berlin 1998
Berliner
Morgenpost
von
Peter E. Müller


Einmal quer durch die Rockgeschichte gepflügt
Nur mehr wäre besser gewesen: Bob Dylan in der Waldbühne

Von einem Sommerabend zum Auftakt der Waldbühnensaison 1998  
hatten die knapp 10000 Besucher offenbar mehr erwartet. Vielleicht 
wäre es für solch einen Event ratsam gewesen, ein Vorprogramm zu 
engagieren. Es hätte so mancher Misstimmung vorgebeugt.

An Dylan jedenfalls lag es nicht. Dem Grantler, der mit der Nonchalance des Eigenbrötlers gegen die Last der eigenen Legende ansingt, dessen nicht enden wollende Tour um die Welt einer Flucht vor dem häuslichen Alltag im kalifornischen Malibu gleichkommt, ist ohnehin nicht mit Wertungen wie gut oder schlecht bei zukommen. Dylan ist einzigartig. Ein Koloss der Popkultur, der er nicht sein will; eine Ikone der Protestbewegung, die er nicht sein will; ein Chronist der politischen Ereignisse, der er nicht sein will. Wie der 57 jährige meist wortlos über die Bühnen der Welt schlurft, das grimmige Gesicht wie ein Schutzschild ins Publikum hält und mit knurriger Stimme ins Mikrophon singt, signalisiert er, dass er nur noch der Entertainer sein will, der sein Lebenswerk einem fahrenden Sänger gleich in immer neuen Varianten unters Volk streut. Und kein Konzert ist wie das andere. Dylan kann aus dem Vollen schöpfen, und er tut es. In derWaldbühne stellte er Everything Is Broken  vom
No Mercy - Album an den Anfang. Er gibt sich rauh, rockig und ungeschliffen. 

Und er hat versierte Mitstreiter, die ihm bei den Exkursionen durch seine bald vierzigjährige Karriere aufmerksam zur Seite stehen: Larry Campbell an der Gitarre,Bucky Baxter an der Mandoline  und Pedal- Steel - Gitarren, Tony Garnier am Baß  und David Kemper am Schlagzeug.

Mit ihnen macht er Silvio einmal mehr zum phonstarken Rockkracher. Der Sound im Waldbühnenrund ist überraschend klar und Dylan artikuliert die Songzeilen akkurat wie selten. Man versteht fast jedes Wort. Im schnieken schwarzen Zwirn mit weißem Cowboyhut posiert er breitbeinig am Mikrophon, krümmt sich bei seinen spartanischen Gitarrensoli (er überlässt die meisten elektrischen Saitensprünge dann aber doch Kollege Campbell ), mitunter huscht gar der Anflug eines Lächelns über sein vom grüblerischen Musikerleben gegerbtes Pokerface. Außer einem kurzen "Danke euch allen" und der knappen Bandvorstellung kommt kein gesprochenes Wort über seine Lippen.

Die Show gehört ganz seiner Musik, die im Mittelteil mit akustischen Klampfen und Kontrabass daherkommt, sonst aber gehörig elektrisch rockt. Mit dem Grammy veredelten  Cold Irons Bound, Not Dark Yet und Love Sick  gehören gleich drei Songs vom vielgelobten neuen Album Time Out of Mind zum Programm. Dazwischen: Klassiker wie
Masters of War, Don´ t Think Twice, It´ s All Right oder eine druckvoll pulsierende Version von Highway 61, die das Konzert nach einer guten Stunde beendet. Immerhin stattliche vier Zugaben noch, dann findet die "Never Ending Tour" - Audienz bei His Bobness ihr definitives Ende.

Und morgen Malmö.



Dylan in der Waldbühne / Berlin 1998