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Bootleg Bob Dylan in Berlin 1996


Berlin 1996
Berliner
Zeitung
von
Ralf Schlüter



Locker wippend im Seidenhemd

Fit for fun: Bob Dylan ist zu seinen frühesten Lebensentwürfen zurückgekehrt und kann sogar wieder lächeln

Es gab Zeiten, da hätte Bob Dylan keine Chance gehabt, sich bei einem
Bob-Dylan-Ähnlichkeitswettbewerb auch nur halbwegs anständig zu
plazieren.  Noch vor drei, vier Jahren klangen seine Auftritte manchmal
wie Auffahrunfälle und sein Anblick erinnerte uns daran, dass Alkohol
auch keine Lösung ist. Aber schon bei seinem Tempodrom - Konzert
im vergangenen Jahr war eine Tendenz zur Gesundung erkennbar: Dylan
sang wieder Melodien, grinste manchmal und ging leicht in die Knie,
wenn es die Show erforderte. Dieses Mal sah er sogar noch eine Ecke frischer aus (das Fotografierverbot blieb allerdings  bestehen).

Die Augenringe aufs Rockstar-Minimum zurückgeschraubt, locker
wippend im Seidenhemd, lässt er uns nach dem ersten Song sogar eine
kurze Begrüßung zukommen. Bob Dylan ist offensichtlich "fit for fun" und
bestreitet den ersten Song ohne schützende Gitarre vor dem Bauch. Die
Band rockt und rollt, der Gitarrist sieht aus wie der junge Eric Clapton,
der Bassist trägt einen schwarzen Hut.

Dylan wandert traumverloren vor dem Mikrofon herum, hebt immer erst im  letzten Moment den Kopf und spitzt die Stimmbänder: Dann kommt
der legendäre sonore Sound aus den Boxen, das Dylan-Organ bestimmt
die Schwingungen im Raum und das ewige Experiment geht weiter -
kann man  Melodien singen, die nur aus einem einzigen Ton bestehen?

Dylan beschränkt sich auch beim Programm aufs Wesentliche: Anstatt 
diesmal ganz andere Songs aus 30 Jahren Bob-Geschichte auszuwählen,
gleicht das Repertoire dem des vergangenen Jahres.All along the
Watchtower
ist wieder dabei, Silvio und Tangled up in Blue.
Songs zum Tieftauchen, zum Immer - wieder - Singen - bis auch ihr
letzter Winkel ausgeleuchtet ist. Nur manchmal hat man Angst, dass er
sie zugrunde interpretiert. Leider wird auch wieder auf den Gitarren so
ausführlich und gleichförmig genudelt, daß man gern vorspulen  würde.

Dylans Welt ist noch immer die, die wir kennen: Der Sänger ist "on the road", auf Maggie' s Farm mag er immer noch nicht arbeiten, und
ansonsten: "Everybody must get stoned".  Mit den Frauen wird auch an
diesem Abend auf Dylan-typische Weise abgerechnet: Queen Jane wird schon sehen, was sie davon hat, und bei einer  anderen Geliebten hat er
endlich das "real you", ihr wirkliches Wesen erkannt.

Die Zeiten mögen sich weiter ändern, aber Dylan ist über verschiedene
Umwege wieder in den Hafen seines frühen Lebensentwurfs eingelaufen: 
Politik und Country - Musik, Christentum und Glam - Rock haben's
nicht gebracht - am Ende bleibt der "Hobo", der allein durch die Gegend
zieht und es nirgendwo lange aushält.

Bob Dylan spielte zwei Stunden und hinterließ ein begeistertes Publikum.
Er war an diesem Abend kein Museumsführer durch die eigene Legende und zum Glück auch keine Karikatur seiner selbst. Er ist auf eine Weise
mit den Figuren seiner frühen Songs identisch geworden, die jede
Nostalgie vertreibt. Der Tourneebetrieb als professionalisierte Form des Lebens auf der Landstraße: Die "Never Ending Tour" geht  weiter.


Bootleg Bob Dylan in Berlin 1996