n.B.u
BERLIN 
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Berlin 1990
ICC
Norbert Baro
n.B.u


Bob Dylan - zum Ersten


Dylan - das war ein Name, war Legende und Musik zugleich, und für mich eine Entdeckung, die erst zwei Jahre zurück lag. Die Dynamik seines 
Live - Albums Down in the Flood hatte mich fasziniert und ließ mich ahnen, daß es hier noch mehr zu entdecken gab.

Erwartungen
Richtig gute Erfahrungen hatte Dylan in Berlin nicht gemacht. In der Deutschlandhalle 1978 pfiffen ihn eine Vielzahl der Fans aus, warum, verstand er nicht. Er selbst vermutete  das rassistische Ansichten bei diesen Pfiffen eine Rolle spielten und dachte dabei an seine farbigen  Backgroundsängerinnen. Ein geplantes Berlin-West - Konzert wurde 1987 mangels Nachfrage abgesagt und kurzfristig nach Berlin - Ost verlegt. Dort war der Zuspruch enorm, die Enttäuschung hinterher, über seine farblose Performance, um so größer. Dylan ließ in keiner Sekunde erkennen, daß ihm die besonderen Umstände Berlins bekannt waren. Kein Wort an die 100000, gleiche Behandlung der Fans wie an allen Veranstaltungsorten der 87er Tour. Berlins Grenzen waren 1990 seit einigen Monaten durchlässig. Wie wird er damit umgehen, das fragten wir uns, als wir uns auf den Weg machten     

Aufbruch
Wir, meine Frau und ich, fuhren frühzeitig per Bus von Spandau los, um möglichst viel von der Vor - Konzertstimmung einzufangen. Das ICC war fast ausverkauft. Es gab ausschließlich Sitzplätze - und diese als Klappstühle.

Vorspiel
Der Abend begann mit Sally Barker im Vorprogramm. Die Stimmung der Dylan - Fans war freundlich, aber emotionslos. Kaum jemand kannte die blonde Sängerin aus England, die solo ihre jazzigen und folkigen Songs
dem Berliner Publikum präsentierte. Sie verdiente sich einen respektvollen Beifall der Dylan - Fans wurde sie nach einer halben Stunde verabschiedet.

Live and in Person
Schließlich ging es endlich los. Das übliche Ladies and Gentleman kündigte die Musiker an. Im Dunkeln betraten sie die Bühne, Dylan kam als letzter. Geschmückt mit einer Ballonmütze und einem schwarzen Mantel, like a hobo, wurde er vom Publikum euphorisch begrüßt.

Einstieg
Er stellte sofort klar, dass er keine Lust habe auf Maggie ´s Farm nur einen Handschlag zu tun. Lieber wolle er eher irgend jemandes Baby Tonight sein.Er sehnt sich nach vergangenen besseren Zeiten, als man ihm in stürmischen Zeiten Unterschlupf gewährte - Come in she said. Mit Shelter from the Storm - nahm das Konzert richtig Fahrt auf. Artig bedankte sich Dylan auf deutsch mit Danke schön! Danke schön!! Danke schön!! Ab hier, hielten es viele Fans, eingesperrt in ihren Klappstühlen, nicht mehr aus und strömten runter zur Bühne. Dort rockten und durchtanzten  sie den Konzertabend, wie viele andere es auch stehend vor ihren unpassenden ,,Klapp - Käfigen" auf den Rängen taten. Uns ging es nicht anders. Manchem Zuschauer wurde dadurch die gute Sicht genommen. Die Sicherheitskräfte führten das ganze Konzert hindurch einen aussichtslosen Kampf mit beiden Gruppen.

Die ersten Eindrücke
Ob es für Dylan ´s Verhältnisse ein gutes oder schlechtes Konzert war, konnten wir nicht sagen, darüber dachten wir auch erst viel später nach.
Mit Dylan ´s Bühnenpräsenz hatten wir genug zu tun. Fast hinter dem Scheinwerferlicht wegtauchend, im Halbdunkel, sahen wir einen mürrischen Künstler mit linkischen, unbeholfenen Bewegungen, dessen Nicht - Stimme in unseren Vorstellungen eher die eines Rockstars, als die eines Liedermachers entsprach. Staunend nahmen wir die Reaktionen des Publikums auf. Andächtige Ruhe während der Performance gab es selten, stattdessen immer wieder Zwischenapplaus für neue noch nicht gehörte Phrasierungen, Jubel wenn ein Songtitel erkannt wurde und immer wieder Begeisterung über jedes Harp - Solo, und davon gab es einige von  unterschiedlicher Qualität.

It´ s life and life only       
Die eigentlichen Höhepunkte folgten im akustischen Teil. In seinem Publikums - Talk vor Masters of War sprach Dylan uns Deutschen erst einmal Trost zu: At times you got to remind people Hitler wasn't German at all! (na, Gott sei gedankt) und nach dem er uns angemahnt hatte, dass jeder auch mal irgendwann irgendjemanden zu dienen hat - Gotta Serve Somebody - legte er die E - Gitarre weg und versicherte Muttern gequält - ironisch: It´s Alright, Ma, es ist alles in Ordnung, es ist nur das Leben. Danach gab er seiner (uns anonymen) ,,Ex" - in Don´t Think Twice - hämisch in allem recht. Einzig Woody bekommt ein aufrichtiges, ehrlich gemeintes Ständchen geliefert. Mit dem Tambourine Man wird der Song - und Danceman sogar richtig ausgelassen. Für uns war dies der schönste Teil des Konzertes, das von der Band  - mit Tony Garnier am Bass, Christopher  Parker am Schlagzeug und G. E. Smith an der Gitarre - vorsichtig gekonnt begleitet wurde..

First live
Als einziger Song  von der letzten LP brachte er Political World. Schon vor Masters of War wurde uns deutlich, dass er die zeitgeschichtlichen Veränderungen der jüngsten Vergangenheit in Deutschland  registriert hatte.
Im Originalton : A lot of people in America are concerned about Germany getting reunited. Aha! Etwas kitschig auf Berlin bezogen klingt der Titel Let´s Learn To Live and love again. Aber warum nicht!?
Wir konnten uns freuen, dies war ein Song, der in Berlin seine
Live- Premiere feierte.

Finale
Eine Dylan  Hit - Parade beschloß das Konzert: Es begann mit All along the Wachtower, versprach  Hoffnung mit I Shall Be Released, holperte weiter durch Like a Rolling Stone und blies uns den Wind um die Nase mit dem nicht klein zu kriegenden Blowin´ in the Wind. Wie so in manchen Shows schickte er seine Fans mit Highway Revisited auf die Strassen Berlins Richtung Spandau.

Berlin Revisited
Was nahmen wir mit auf den Heimweg: Wir sahen einen phantastischen Gitaristen mit G. E. Smith, überhaupt eine tolle Tour - Band, wir hatten jetzt eine Ahnung wie gut Dylan in vielen seiner legendären Shows gewesen sein mag oder wie gut er sein könnte, und hofften, dass er sein bestes Konzert in Berlin noch abliefern würde.