n.B.u
BERLIN 
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Coverfoto Berlin - Bootleg 1987


Berlin - Ost 1987

Gottfried Blumenstein
aus
Mr. Tambourine
Man


Nicht auf der Höhe der Zeit
Mit Zwanzig ein Rätsel zu sein ist lustig, mit dreißig ein Rätsel zu sein,  zeigt einen Mangel an Phantasie und in Dylans Alter ein Rätsel zu sein ist offensichtlich bloß 
noch bekloppt

(John Peel - Strassenmusiker)
wpe9C.jpg (3526 Byte)

Als am 17. September die Massen zum Ort des Geschehens pilgerten, brach zuerst der Verkehr im Umkreis des Veranstaltungsortes zusammen. Kartenkontrollen waren bald sinnlos geworden, ebenso Alkoholkontrollen (ein Teil des Publikums war mit vollen Bierkästen und Wodkaflaschen angerückt), und wenn man so will, war es schließlich ganz nach
Woodstock - Manier ein Free Concert. In der gleichgeschalteten Ostberliner Presse erschien später die Zahl von 70000 Konzertbesuchern, eine Zahl, die den Vertragsmodalitäten zwischen dem Tourmanagement und der Künstleragentur geschuldet war. In Wahrheit waren es weit über 100000 Dylan - Fans, darunter auch eine erhebliche Anzahl von Westberlinern, für die bei einem Umtauschkurs von 1 : 7 das Ganze von vornherein ein Ereignis war, das man umsonst haben konnte. ...

Was ging wohl in den DDR - Menschen vor, die Bob Dylan in einem Grad verehrten, den die Westleute nicht einmal erahnen konnten....

Nun war er also leibhaftig durchgekommen, gewiss würde nun ein Wunder geschehen. Das unberechenbare könnte möglicherweise ein Zeichen setzen, ein Fanal bewirken oder sonst was aufflackern lassen. Vielleicht wäre sogar ein Marsch der Hunderttausend in Richtung Westen möglich. Man konnte doch über 25 Jahre lang nicht umsonst gewartet haben....

Und Dann standen all diese DDR - Menschen, die an Dylan wahrlich einen Narren gefressen hatten, erwartungsfroh und ehrfurchtsvoll an jenem regnerischen 17. September mitten auf einer großen Wiese und starrten gebannt zur Bühne. Die Sicherheitsvorhehrungen waren derart miserabel gewesen, daß im vorderen Drittel der Druck auf die Leute so groß geworden war, daß sie zu Dutzenden in die Knie gingen. ... Pausenlos waren Rettungswagen im Einsatz. Beschwörende Mahnungen aus den Lautsprechern halfen nichts....

Und es kamen die Musiker von Tom Petty. um gemeinsam mit McGuinn die Schlachtgesänge der 60er Jahre, Mr. Tambourine Man und Turn, turn, turn anzustimmen. Dann übernahmen Tom Petty and the Heartbreakers ganz allein das Zepter und spielten ihren kernigen Geradeaus - Rock. Die Spannung steigerte sich von Song zu Song, was aber nichts mit den Heartbreakers zu tun hatte, die im weiten Rund eher eine unbekannte Band war, sondern bald würde ER sich zeigen. Die Stunde der Wahrheit stand unmittelbar bevor.

Plötzlich steht Bob Dylan auf der Bühne, in irgend so was wie ein weißes Jacket gehüllt, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, die Stratocaster um die Schultern geworfen. Doch das erwartete Pandämonium bleibt aus, ganz im gegenteil. Ohne ein Wort zum Publikum zu sagen, geht es mit When the Night Comes Falling los, und als ob jemand den Stöpsel eines Luftballons herausgezogen hat, der dann kurze Zeit durch die Luft flattert und schnell auf den Boden landet, ist die Spannung völlig weg. Mit einem Mal ist wieder Platz da, man kann zumindest ein paar Schritte nach vorn oder hinten tun.

Das Konzert nimmt einen außerordentlichen ruhigen Verlauf, die Heartbreakers und die vier Damen im Backgroundchor machen ihre Sache ordentlich. Dylan singt auch nicht übel, doch ganz bei der Sache scheint er nicht zu sein. Als nach sechzig Minuten Like a Rolling Stone und schließlich Blowin´ in the Wind ertönen, wissen die meisten im Publikum, daß es vorbei ist. Für Dylan der etwas wackelig von der Bühne torkelt, hinein in die wartende Limousine steigt und ins Grand Hotel davonbraust, ist es ausgestanden. Das Publikum ist völlig konsterniert: Das soll alles gewesen sein, nicht ein einziges Wort hat er zu uns gesagt, falls er uns überhaupt wahrgenommen hat. War er wirklich stinkbesoffen, wie später einige Bühnenarbeiter behaupteten?

Haben wir das wirklich verdient? Wir sind doch nicht jene Berliner, die ihn zehn Jahre zuvor mit Farbbeuteln und Tomaten beworfen haben. Nicht einmal ein verlogenes Ich bin froh, endlich hier zu sein oder Ich bin ein Berliner oder I love you all (ein Satz der zwei Jahre später in der deutschen Fassung für Furore sorgen sollte). Nichts, einfach nichts war zu hören gewesen.

Gottseidank auch nichts zu dem Wort Frieden, das die FDJ-Bonzenschaft, die vom Frieden überhaupt nichts verstand, in großen Lettern über die Bühne gehängt hatte. Es war absolut nicht möglich, Dylan für irgendwelche Zwecke einzuspannen, was bei anderen Stars, die die DDR besucht hatten, wie Bruce Springsteen oder Joe Cocker gelungen war.

Wie man im nachhinein erfuhr, konnte man aber nicht einmal der der Einbildung nachhängen, daß er sich das bloß für den ersten und letzten deutschen Arbeiter - und Bauern - Staat so ausgedacht hatte. Dies Art Sonderbehandlung hätte uns zwar auch nicht geschmeckt, aber zumindest hätten wir das Gefühl gehabt, daß Dylan den Unterschied zwischen Ost und West wahrgenommen hat. Aber die DDR - Fans wurden, und das echt frustrierend, nicht anders behandelt als alle anderen. Dylan kannte offensichtlich den Unterschied nicht, von seiner kosmischen Warte aus gesehen existierte vielleicht kein Unterschied. Auf dieser Tournee hat Dylan nirgendwo etwas gesagt, weder in Israel, noch auf dem europäischen Festland oder in England.

Freilich standen auch in den Ostberliner und DDR - Zeitungen Konzertberichte, die versuchten, irgendwie dem Phänomen Dylan und seinem bitteren Anschlag auf die grundsätzlich positiven Gefühle, die viele Zuhörer ihm entgegengebracht haben, gerecht zu werden. Dylan schlichtweg für bekloppt zu halten, mochte eine englische Spezialität sein. Im Osten Deutschlands mußte man sich einfach mehr Mühe geben. So funktionierte Andreas Krusche in der Weltbühne Dylans Auftrittt in einem bewußt inszenierten Selbstmord um, wo möglicherweise die ganze verunglückte Tournee bloß dem Teufel Alkohol geschuldet war. Aber so einfach und billig konnte und wollte man es sich auch nicht machen:

Für wen hat Dylan eigentlich gesungen? Fürs Publikum nicht, für sich selbst auch nicht, da blickte er gar zu griesgrämig drein. Offenbar machte er gegen sich selber Front: Bob Dylan schien seine eigene Legende vom allseligmachenden Popmessias zu bekämpfen, und es ist zu befürchten, daß er den Kampf gewonnen hat und nunmehr seine alten Tage als hartherziger Zyniker beschließen will.
Nach dem Konzert wirkten viele Zuhörer verstört, denn als Voyeure einer erfolgreichen Selbstentweihungsaktion beizuwohnen war irgendwie beschämend. Nichtsdestotrotz hatte die Sach Größe. Dies war ein Abgang von historischer Dimension. Solch einen pittoresken Schlußpunkt hinter eine in diesem Jahrhundert erfolgreichsten Künstlerkarrieren zu setzen war wohl Dylans letzter Geniestreich - und wir waren dabeigewesen.


Coverfoto Berlin - Bootleg 1987