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BERLIN 
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Bob Dylan in Berlin 1978


Berlin 1978

Tagesspiegel
von
Olaf Leitner


Konflikt mit einem Mythos
Bob Dylan kommt nach Berlin

Dylan kommt. Und mit ihm kommt ein Problem. Das Problem der Fans mit ihrem Mythos Dylan. Seit Blowin´ in the Wind sind 16 Jahre vergangen, wir sind 16 Jahre älter geworden - aber Dylan auch. Während für uns Dylan immer noch händchenhaltend am Krankenbett von Woody Guthrie sitzt, wundern wir uns über 45 Mark teure Konzertkarten. Wir haben ihn ,,on the road" im Sinn, Abenteuer erlebend, für die wir zu schwach waren - wir haben Kollegen im Büro, in der Fabrikhalle, Dylan jedoch tauchte weg mit Gauklern, Gangstern und herrlichen Spinnern. Aber da war die Scheidung von Sarah, die ihn 27 Millionen Dollar gekostet habe. Immer noch liegen die Aktien im Magen, die er von der Napalm - Firma gekauft hat und dabei läuft Masters of War weiter auf unserem Plattenspieler.

Wir haben Mühe das alles zusammenzubringen. Die Public - relations - Agenturen bewerfen uns mit Informationsmüll zum Zweck, den Mythos noch höher zu rücken, während wir uns mühen, ihn klein zu halten, weil wir beharrlich weiter an seine Songs glauben, jene vom Mitleid, von Liebe und Hass, vom Verstehen und von der Einfachheit. Veranstalter blasen sich auf, man habe ihr Mühen anzuerkennen, Dylan nach Berlin zu bringen, wo sich doch offensichtlich die Tournee als Werbe - Aktion zugunsten einer neuen LP (Street Legal) enttarnt. Wir fluchen wegen der Eintrittspreise, wir streben dennoch ins Konzert und wollen letztlich nur sehen, dass Dylan in den 20 Jahren der gleiche geblieben ist - indes wir eigenen Fort - Schritt verkünden. Wir feiern Dylan wie der Großvater seine Marika Rökk, die er nicht in Ehren alt werden läßt.

Unser Generationskonflikt findet nicht mit den Eltern statt, sondern mit unseren Idolen. Weil wir von den kalten 80er Jahren Angst haben, bleiben wir - Dylan im Kopfhörer - , im wärmenden Chaos der 60er. Und lesen Bob´s Verse nach, die uns Carl Weißner in sensibler Übersetzung endlich nahebrachte.

Guthrie ist tot, Dylan kein Hobo mehr, als Mythos tut er sich schwer: Das ,,Phänomen ohne Beispiel", der ,,Shakespeare seiner Generation", gab sich kürzlich bei einem Gastspiel in Japan mufflig, lustlos, angeekelt. Idole haben im Rock - Geschäft reduzierte Sozialkontakte (kann er noch unerkannt ins Kino gehen?); der Informationsdschungel aus Fakten und Fiktion, in dem der ,,Mensch Dylan" präsentiert wird, ist für uns undurchschaubar, weil nicht zu überprüfen. Auch ,,Playboy" - Interviews ändern daran nichts. Laßt auch Dylan alt, nun ja: älter werden, anders sein, es mindert nicht die Verse und Musik von früher. Das ,,Werk" soll gelten, nicht das Image. Und nicht unsere Erinnerung.

(Bob Dylan, 29. Juni 21. 30 Uhr (!), Deutschlandhalle.
Karten 20 - 45 DM).    


Bob Dylan in Berlin 1978